Kein Ausweg aus der Blase?

Leitartikel von Jürgen Hofer, stv. Chefredakteur (HORIZONT 39/2016)

Es ist ein düsterer Befund. „Im Internet wird die Masse immer bevorzugt“, ließ Miriam Meckel unlängst bei den Österreichischen Medientagen aufhorchen. Einzelne Meinungen hätten es schwer, gehört zu werden. Im Netz herrsche eine „Bestätigungsverzerrung“, meinte die Chefredakteurin der WirtschaftsWoche und renommierte Kommunikationswissenschaftlerin. „Die Filter-Bubble fördert den kurzsichtigen Blick der User.“ Wer einmal im Schützengraben seiner eigenen Meinung liege, lasse sich ungern von anderen Meinungen attackieren.

„Confirmation bias“ nennt die Psychologie diesen Bestätigungsfehler, der den Leser antreibt, Informationen so auszuwählen und zu interpretieren, dass sie dem eigenen Weltbild, den eigenen ideologischen Erwartungen, entsprechen. Zu dieser personell vorgenommen Selektion kommen technologisch getriebene Filter: Algorithmen geben vor, was für den User relevant zu sein hat. Unter dem Deckmantel, individuelle Interessen zu bedienen, werden nach fixen Schemata Informationen automatisiert ausgespielt.

Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur Digitale Medien bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, attestiert dem Internet Hässlichkeit, es sei ein „Tummelplatz für Kriminelle und Saboteure“. Es ist ein Schreckensszenario, wenn eben diese Nachrichten für sich vereinnahmen, mittels Bots und nicht realem Traffic gewisse, ihnen liebsame Themen pushen. Oder Algorithmen ohne jegliche Transparenz und Nachvollziehbarkeit Themen streuen und steuern. Denn wer kontrolliert eigentlich die mächtigen Automatismen? Das Modell des journalistischen Gate Keepers hat vielerorts schon ausgedient, Algorithmen übernehmen ihre Funktion. Umso bedeutsamer sind journalistische Leitmedien, die nach gelernten Relevanzkriterien Informationen sichten, einordnen – und vor allem ausspielen. „Wir wollen die Deutungsmacht nicht verlieren“, appellierte Müller von Blumencron im Umfeld der Medientage. „Wir wollen dem Chaos und der Unsicherheit, was wahr und was unwahr ist, einen Kompass entgegensetzen und Orientierungshilfen bieten, so dass sich Leser verlässlich informieren können, was wirklich wahr ist.“ Der mündige Leser verdient die Wahrheit. Dafür benötigt es unabhängige Medien. Mehr denn je.

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