In den Händen des Stiftungsrats

Leitartikel von Marlene Auer, Chefredakteurin.

Jetzt kommt der Küniglberg in Fahrt: Alexander Wrabetz kandidiert für eine dritte Amtsperiode. Der Kaufmännische Direktor Richard Grasl wirft nun auch seinen Hut in den Ring. Schon die vergangenen Monate war er stets um Stiftungsratsstimmen bemüht, aus seinem Umfeld heißt es er arbeite an einer Mehrheit. Wrabetz will sich dieser bereits sicher sein, berichten Insider. Vielleicht kommt auch noch ein dritter Player ins Spiel. Lange kann es nicht mehr dauern bis alle Kandidaten feststehen – am 9. August wählt der Stiftungsrat den Generaldirektor des ORF für die nächsten fünf Jahre.

Was der ORF politisch braucht sind Rahmenbedingungen, die Expansion in New Media und Total Video, eine Berechtigung der dualen Finanzierung – und möglichst keine Interventionen. Wenn Parteien glauben, dass sie TV benötigen, mögen sie eigene Channels starten. Es wird sich zeigen, ob VP-TV oder SP-TV genügend Seher haben. Österreich ist in einer volatilen und fragilen politischen Situation, hin- und hergerissen zwischen EU-Bekenntnis und Kritik, getrieben von Flüchtlingshysterie und wirtschaftlicher Stagnation. Österreich braucht dringend eine medial, journalistisch seriöse Öffentlichkeit. Die Bürger – und damit die Gebührenzahler – haben ein Recht darauf.

Der ORF hat auch auf anderen Gebieten genügend zu tun, um sich im Wettbewerb zu halten: Nicht nur gegen die Privatsender sondern auch gegen Netflix, Amazon und Co. Er sollte Content-Innovationen schaffen, kleine Länder wie Dänemark und Schweden machen das vorbildlich. Voraussetzung dafür ist aber ein öffentlich-rechtlicher, unabhängiger ORF mit einer objektiven Evaluierungskommission. Und mit möglichst viel Freiheit.

Österreich hat einen neuen Regierungschef, der mit viel Drive und perfekt aneinandergereihten Botschaften Unabhängigkeit und Expertisenurteile versprochen hat. Seine Aussage mag man nun an der Realität messen. Wenn diese so aussieht, wie sie sich nach der Kür der Rechnungshofpräsidentin stellt, verkommt die Hoffnung. Dann ist auch ein öffentliches Hearing wenig sinnhaft – wenngleich die Offenheit zur Transparenz, die sowohl von Wrabetz als auch von Grasl unterstützt wird, ein Schritt in die richtige Richtung ist.

Es geht um die Macht der Parteien bei der Besetzung der Spitzenpositionen in diesem Land. Kritiker glauben an einen Deal: Die ÖVP im Rechnungshof im Gegenzug für die SPÖ beim Öffentlich Rechtlichen. Doch so einfach ist es nicht. Kenner beschreiben Grasl als jemanden, der im Hintergrund Allianzen schmiedet und an einem anderen Konzept für den ORF arbeitet. Das würde allerdings auch bedeuten, dass die Vorstellungen der Unternehmensführung von Generaldirektor und seinem Kaufmännischen Direktor in unterschiedliche Richtungen gehen.

Selbst wenn Grasl nicht angetreten wäre, so wären die Gräben vielleicht schon so tief gewesen, dass Wrabetz ihn ohnehin nicht in die nächste Geschäftsführungsperiode mitnehmen hätte wollen, heißt es. Und doch scheint er Verständnis für Grasls Tun zu haben: In einem Interview zog er einen Vergleich mit der Biologie. Der Leitwolf müsse immer damit leben, dass die Nächstgeordneten seine Stellung attackieren, sagte er. In den vergangenen zehn Jahren hat Wrabetz viel erreicht, für die Zukunft will er im wesentlichen folgende Themen realisieren: Die Neuaufstellung von ORF eins in Richtung Multimedialität, mehr Eigenproduktionen für ORF III, die Rechte der Redakteure stärken und eine vierte Direktion deren Ausgestaltung er sich noch überlegen wolle. Wir können gespannt sein, mit welchen Argumenten Nächstgeordnete den Leitwolf nun attackieren wollen.

[]

Kommentare

0 Postings

Keine Kommentare gefunden!

Diskutieren Sie mit

Neuen Kommentar schreiben

* Pflichtfelder
Netiquette auf HORIZONT online