Ich bin erwachsen, lasst mich hier rein!

Leitartikel von Marlene Auer, Chefredakteurin.

Die Digitalisierung verlangt uns alles ab. Jetzt also Snapchat, die App der Jungen, mit der man per Smartphone lustige Fotos schießen oder Videos drehen, mit Texten und Emoticons anreichern und Freunden schicken kann – und die sich nach maximal zehn Sekunden selbst zerstören. Mehr als 130 Millionen Menschen weltweit sind bereits „Snapchatter“, Tendenz weiter steigend. Ich gehöre seit dieser Woche auch dazu. Zugegeben: Es ist amüsant, freche Snaps zu basteln und quer durch die Welt zu senden. Aber es ist nicht mein Revier. Denn Snapchat ist eine eigene Welt: Erstmals haben sich Kids ein Medium reserviert. Und wenn die Teenies Workshops über „ihr Tool“ abhalten, kommen Marketingchefs und Medienprofis – um am Ende gesagt zu bekommen: „Jetzt wisst ihr, was Snapchat ist. Aber bitte nutzt es nicht.“ Kein Zutritt für Erwachsene. Die Jungen wollen unter sich bleiben.

Snapchat ist die Sprach-Bild-Revolution einer Jugend, die soziale Netzwerke als old-fashioned und informationsüberladen empfindet. Die Jungen haben sich ein Netzwerk abseits von kontrollierten Algorithmen und gespeichertem Content gebaut. Das bekommt auch Facebook-Chef Mark Zuckerberg zu spüren. Laut einer Umfrage des Magazins Bravo hat Snapchat bei der Zielgruppe der 10- bis 19-Jährigen sein Facebook schon überholt. Bereits vor drei Jahren wollte Zuckerberg das Tool für drei Milliarden Dollar kaufen, blitzte aber ab.

Wirtschaft, Politik und Medien erkennen den Hype. So snapchatten mittlerweile Zalando, Starbucks, CNN, Hillary Clinton, der FC Bayern München und McDonald’s (siehe oben). Werber wollen auch, um ihre Spots zu vermarkten und so die Jungen zu erreichen. Solange das in der Sprache der Teenies geschieht, wird Snapchat erfolgreich sein. Aber vergessen wir nicht: Eine Generation hat uns etwas voraus. Lassen wir uns vorgeben, wie weit wir in ihre Welt dringen dürfen. Versuchen wir, sie zu verstehen und Werbung oder Informationen zielgerichteter zu gestalten. Sonst fragen wir uns in einiger Zeit, warum die Jungen von diesem Tool wieder weggegangen sind. Die Antwort: Weil dann nur noch die Oldies snapchatten.

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