Gemeinsames Medium für Europa

Leitartikel von Marlene Auer, Chefredakteurin.

Vernetzte Medien in Europa: Das war der Traum in den 90er-Jahren, und auch noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Nicht zuletzt durch die Erweiterung der EU glaubten Medienmanager, mit ihren Angeboten über Grenzen hinweg neues Publikum erreichen zu können. Sie investierten in Auslandsbeteiligungen, zogen Niederlassungen in einzelnen Märkten hoch.

Und jetzt: Der große, manchmal ungeordnete Rückzug. Dieser Tage hat Gruner + Jahr seine Verlagstochter in Spanien verkauft, auch aus Österreich hat sich der Konzern zurückgezogen: Im Sommer trennte sich der zum Bertelsmann-Konzern gehörende Hamburger Verlag von seiner Beteiligung an der News-Gruppe mit der Begründung, sich vor allem auf seine Kernmärkte Deutschland und Frankreich konzentrieren zu wollen.

Die Funke-Gruppe hat sich schon vor einigen Jahren unter anderem aus Mazedonien zurückgezogen, die Verlagsgruppe Passau hat ihre Engagements in Tschechien und der Slowakei ebenso eingestellt. Die Expansion der europäischen Verlage in China gerät ins Stocken, als neuer Hoffnungsmarkt, der tatsächlich noch großes Potenzial darstellt, gilt Indien. Es ist eines jener Länder, in denen Print noch deutlich wächst.

Stattdessen: Die Renationalisierung der freien Medien in Ungarn, Polen und der Türkei sind warnende abschreckende Beispiele. Pressefreiheit gerät immer stärker unter Druck, Journalisten werden verfolgt.Die Medienlandschaft könnte auch als Abbild der politischen Entwicklungen gesehen werden: Wir leben in Zeiten, in denen wieder Zäune hochgezogen werden und viele Menschen sich etablierte Medien zum Feindbild gezimmert haben, das ihre Ängste ignoriert.

Im Social Web fühlen sie sich hingegen bestätigt und verstanden – Stichwort Filterblase. Das ist alarmierend. Während dort also Diskussionen über Ländergrenzen hinweg geführt werden, gibt es keine großen paneuropäischen Medien, die dies abbilden und in Kontext stellen. Der EU fehlt nicht nur eine gemeinsame Außenpolitik, sondern auch eine gemeinsame Medienpolitik – und ein gemeinsames Medium Europa.

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