Die Kraken wachsen weiter

Leitartikel von Chefredakteurin Marlene Auer: Wieso Facebook auf Regionalität setzt, sich von Amazon abgrenzt – und was das mit Österreichs Medien zu tun hat.

Facebook startet dieser Tage mit dem „Marketplace“ in 17 europäischen Ländern, darunter auch Österreich. Eine Gebühr soll es nicht geben, den „Markthandel“ sollen die User unter sich vereinbaren. Auch Werbung sei nicht geplant, heißt es.

Das Ziel des größten sozialen Netzwerks ist klar: Wachsen, in erster Linie aber User halten. Facebook hat zunehmend Schwierigkeiten damit, die jungen Menschen zu erreichen. Die bevorzugen längst Instagram und vor allem Snapchat, Facebook ist Medium für die „Oldies“. Mit dem neuen „Flohmarkt“ werden auch Plattformen wie shpock attackiert, die durch sämtliche Altersgruppen hinweg Zugriffe generieren.

Facebook hat einen USP: Es setzt mit dem neuen Marktplatz auf regionalen Nutzen. Die Plattform rückt ab vom globalen Verbinder – denn auf diesem Feld ist schon alles ausgeschöpft – und fokussiert auf das Kleinteilige. Die Produktanzeigen sollen nur innerhalb der Ländergrenzen sichtbar sein, gefiltert wird nach dem Radius. Je näher, umso höher wird der Beitrag gereiht. Lokalalgorithmus, sozusagen.

Regionalität ist auch in den klassischen Medien ein Erfolgsfaktor. Im Web konkurrieren österreichische gegen deutsche oder Schweizer Zeitungen. Manche heimische Verlage haben rechtzeitig gegengesteuert, die regionale Schiene deutlich verstärkt und regionale Marktplätze umgesetzt. Diese Vertikalisierung der Services trägt zur Strahlkraft der Medienmarke bei und bindet Leser. Facebook wird ihnen wenig anhaben können.

Zudem soll es nicht Massenware sein, die über den Flohmarkt vertrieben wird, sondern vielmehr Einzel- und Sammlerstücke. Gegen Amazon steigt also Facebook nicht mehr in den Ring. Kein Wunder, denn Amazon hat ein skalierbares Geschäftsmodell aufgebaut, von Shop über Buchverkauf, digitale Assistenten wie Alexa bis hin zum Streamingportal. Das Unternehmen entwickelt seinen eigenen Suchalgorithmus und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis Amazon auch ins lineare TV einsteigen wird. Eine Vermarktungsallianz mit ProSiebenSat.1 Puls 4 gibt es bereits, es ist weltweit die erste ihrer Art. Österreich gilt in technologischen Themen als beliebter Testmarkt, insofern dürfte es spannend werden. Vielleicht schneller, als wir denken.

Dieser Leitartikel erschien zuerst in der Print-Ausgabe des HORIZONT, Ausgabe Nr. 32.

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