Wahlkampf-Tools: Die falsche Ohnmacht

Leitartikel von Marlene Auer, Chefredakteurin.

Im Wahlkampf in Frankreich haben viele Politiker Big Data und Chatbots eingesetzt, um Stimmen für sich zu gewinnen. Marine Le Pen nutzte etwa das Chatprogramm Discord, um sich mit der Bevölkerung auszutauschen. Das Team um Emmanuel Macron bediente sich eines Pariser Start-ups, das über Datenanalyse Online und Offline verbindet.

Auf verhaltensbezogene Daten für eine persönliche Zielgruppenansprache hatte bereits Barack Obama im Jahr 2008 gesetzt. Donald Trump fokussierte auf Microtargeting und Personenprofile, um in Echtzeit zur richtigen Zeit verschiedene Zielgruppen mit den passenden Botschaften zu erreichen.

Gewinnt man Wahlen nur mehr mit Hilfe digitaler Tools, die es ermöglichen, einzelnen Gruppen individuelle Themen auszuspielen – und ihnen gar noch individuellere Wahlversprechen zu machen?

Wir dürfen gespannt sein, wie sich das Bild in den nächsten Wochen in Großbritannien gestalten wird. Die Briten haben Erfahrung darin, Social Media in ihren Wahlkämpfen zu instrumentalisieren und gelten als Vorreiter bei Grassroot-Kampagnen. Die Newsfeeds auf Facebook dürften bis zum 8. Juni wohl genauso gescreent werden, wie es wohl in Frankreich der Fall war.

Premierministerin Theresa May engagierte übrigens bereits den Digitalstrategen Jim Messina. Er war zuvor federführend bei Kampagnen von Cameron und Obama tätig. Die Gefahr bei dieser digitalen Art des Wahlkampfs: Die Menschen nehmen die gesteuerten Streams nicht wahr, ahnen nicht, dass sie durchleuchtet und mit passenden Botschaften bespielt werden.

Während Facebook individuelle Werbeanzeigen ausstrahlt, setzen die Wahlkampfteams an der Haustür das passende Themensetting fort. Die Menschen fühlen sich verstanden, glauben, dass ihre Sorgen und Wünsche die Mehrheitsmeinung abbilden.

Eine gefährliche Filterblase entsteht. Die neue Strategie: Politiker machen nicht mehr wenige große Versprechen, sondern sind dazu verleitet, viele kleine zu machen – die dann aber kaum einzuhalten sind. Mögliche Folge: Die Politikverdrossenheit steigt weiter.

Dem können wir nur entgegen wirken, indem wir von den Parteien – aber auch von Plattformen wie Facebook – Transparenz über die eingesetzten Werbemittel und deren Inhalte verlangen. Öffentlichkeit muss auf echten Informationen basieren, wenn es um die Demokratie geht.

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