BP-Stichwahl: Mein Sonntagsprivileg ist plötzlich weg

Kommentar von Milan Frühbauer

Vorweg ein Geständnis: Ja, auch ich gehörte zu jenen, die an Wahlsonntagen schon so gegen halb drei wussten, wie der Hase läuft. Mea maxima culpa! Denn flugs habe ich einige Freunde, allesamt politisch vital interessiert, angerufen und mich bis auf den Zehntelprozentpunkt der für 17 Uhr erwartbaren ersten Hochrechnung wichtig gemacht. Ein langjähriger Freund aus der Politforschung hat es ermöglicht. Als mildernder Umstand möge gelten, dass ich seit Jahrzehnten nachweislich schon in den Vormittagsstunden wählen gehe. Wie übrigens alle erreichbaren Ansprechpartner meiner egozentrierten Wichtigtuerei, die sich auch durch erste Ergebnisse aus rund hundert burgenländischen oder steiermärkischen Kleingemeinden nie und nimmer aus ihrer weltanschaulichen Prädisposition bringen lassen. Selbst erste Ergebnisse aus Städten in Vorarlberg halfen nichts mehr. Weil sie selbst schon wählen waren.

 Ab 15 Uhr begann dann die politische Spekulation über die möglichen politischen Auswirkungen des sich abzeichnenden Votums. Per SMS oder in vielen Telefonaten, mit bangen Fragen von meist bürgerlichen Wählern. Diesem schändlichen Treiben haben die Verfassungsrichter nunmehr – gemeinsam mit dem Wiederholungsauftrag zur Stichwahl des Bundespräsidenten – ein jähes Ende gesetzt. 

Bei der verschobenen Wahl am 4. Dezember werde ich daher einsam und ratlos auf die erste Hochrechnung so gegen 17:30 warten und den alten Zeiten nachweinen. Vielleicht wird mir dann ein kritischer Ausspruch meines dereinst sehr verehrten Lateinprofessors aus dem Realgymnasium in Erinnerung kommen: Fiat iusticia et pereat mundus. In der Übersetzung von Luther heißt das: „Es geschieht was recht ist, und sollt die Welt drob vergehen …“

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