Wirtschaftsjournalismus - ein Drama in mehreren Akten?

„Wenn Shakespeare leben würde, würde er nicht Königsdramen, sondern Wirtschaftsdramen verfassen“, hieß es im Rahmen einer Podiumsdiskussion zum Status quo des Wirtschaftsjournalismus in Österreich.

Der Begriff „Fake News“ wird derzeit heftig diskutiert - zumeist im politischen, aber auch im wissenschaftlichen Kontext (HORIZONT berichtete). Doch auch der Wirtschaftsjournalismus bleibt davon nicht unberührt - dadurch, dass Verschwörungstheorien und Halbwahrheiten in den sozialen Medien Hochkonjunktur haben, wird auch die Arbeit von Wirtschaftsjournalisten von „Lügenpresse“-Vorwürfen und Misstrauen begleitet. Aus diesem Anlass diskutierte ein prominentes Podium im Rahmen der Veranstaltung „Wirtschaftsjournalismus in Österreich - Ein Missverständnis?“ den Status quo des Wirtschaftsjournalismus in Österreich. Als Podiumsgäste konnten Reinhard Göweil (Chefredakteur der „Wiener Zeitung“), Fritz Hausjell (Professor am Institut für Publizistik der Universität Wien), Ellen Lemberger (Ö1-Wirtschaftsredakteurin) und Christian Ortner (Wirtschaftspublizist) gewonnen werden.

Drei Strukturprobleme

Reinhard Göweil nahm eingangs seine eigene Branche kritisch ins Visier und sagte, dass Wirtschaftsjournalismus „sinnlos geworden ist, nicht weil es ihn nicht mehr gibt, sondern weil er in seiner Ausschließlichkeit keinerlei Bedeutung mehr zu haben scheint“. Redaktionen könnten Themen nicht mehr in Politik-, Kultur- oder Wirtschaftsjournalismus einteilen, es gelte vielmehr „eine gesamthafte Sicht der Dinge“ zu vermitteln. Wirtschaftsjournalismus als „singuläres Ereignis“ betrachtet werde in den kommenden Jahren „relativ wenig Anklang finden“. Laut Göweil werde sich der Wirtschaftsjournalismus der Zukunft dadurch auszeichnen, dass er als solcher nicht mehr zu erkennen sei.

Fritz Hausjell ortet in Bezug auf den Wirtschatsjournalismus drei Strukturprobleme. Erstens: Wirtschaft auf Unternehmen, Gewinnzahlen und neue Entwicklungen zu reduzieren sei zu wenig. Zweitens: Die Bevölkerung mache sich zu wenig Gedanken darüber, wer Einfluss auf die Wirtschaftsberichterstattung nimmt. „Die Tür zwischen der Anzeigenabteilung und der Redaktion ist viel zu oft offen und gehört wieder zugemacht“, so Hausjell. Drittens: Der Wirtschaftsjournalismus hat die Aufgabe, Einblicke in jene Themen zu geben, die der Bevölkerung bei der Bildung von Entscheidungs- und Meinungsprozessen dienlich sind. Diese Aufgabe könne aber nicht erfüllt werden, „weil der Journalismus im Bereich 'Lobbying' ausgesperrt bleibt und nur zu wenigen relevanten Informationen Zugang hat“.

Schwere Reputationskrise

Ellen Lemberger erzählt, dass sie, seit sie beim ORF tätig ist, zwar in der politischen Berichterstattung Interventionsversuche erlebt habe, aber noch niemals bei der Wirtschaftsberichterstattung. Den Grund dafür ortet sie am fehlenden Interesse an der Wirtschaftsberichterstattung: „Ich fürchte fast, dass vielen Wirtschaft nicht wichtig genug ist, zumindest in der Berichterstattung. Das ist mein Eindruck“, so Lemberger. Wenn es darum gehe, Sendezeit oder Platz in Printprodukten zu sparen, werden „Wirtschaftsthemen immer zuerst rausgekickt“.

Christian Ortner meint, dass Wirtschaft „in weiten Kreisen als etwas leicht Anrüchiges“ gilt. „Wirtschaft und das Betreiben von Wirtschaft wird hierzulande sehr gering geschätzt - das ist in anderen Ländern anders“, sagt Ortner. Das Ansehen der Wirtschaft sei unweigerlich mit dem Wirtschaftsjournalismus verbunden, der - wie der Journalismus insgesamt - in einer schweren Reputationskrise stecken würde. „Die Menschen glauben Journalisten nicht mehr und das hat auch gute Gründe. Beim Ausbruch der Weltwirtschaftskrise in den Jahren 2007 und 2008 hat sich der Wirtschaftsjournalismus nicht mit Ruhm bekleckert.“ Dies sei ihm zufolge neben der Digitalisierung eine wesentlich Ursache, warum es Zeitungen heute ökonomisch nicht gut gehe. „Wenn Shakespeare leben würde, würde er nicht Königsdramen, sondern Wirtschaftsdramen verfassen“, schließt Ortner.

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