Wir sind nicht Charlie.

Kommentar von Herausgeber Sebastian Loudon

Wut, Angst, Fassungslosigkeit. Der Mordanschlag auf  Journalisten und Karikaturisten des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ in Paris mit insgesamt zwölf Toten versetzt Europa in einen Schockzustand, ganz besonders die Medienwelt. Ein gezielter Anschlag auf die Freiheit der Medien, der Meinungsäußerung und der Kunst. Die bis jetzt friedvoll artikulierte Empörung in der Zivilbevölkerung ist überwältigend und macht Mut. Die Solidarität der europäischen Medienwelt ist verständlich - aber so groß, dass die Grenze zur Vereinnahmung längst unkenntlich wurde. „Je suis Charlie“, so lautet die mitreißende und in jeder Hinsicht gut gemeinte Parole. Wir alle sind Charlie Hebdo, wir alle wurden angegriffen und unser aller Freiheit wurde bei dem Massaker in Paris attackiert, so läuft das logische Narrativ, binnen Stunden nach der verheerenden Tat. Und da stellt sich die Frage: Haben Europas Massenmedien eigentlich das Recht, sich auch als Opfer dieses Anschlags zu gerieren? Ist es legitim, sich in die Rolle des Angegriffenen zu drängen, angesichts der klaffenden Unterschiede zwischen den längst bis ans äußerste kommerzialisierten Massenblättern und einem künstlerischen Medium wie Charlie Hebdo? Einem Medienprojekt, das gezielt Grenzen überschreitet, um immer wieder aufs Neue zu proklamieren: Satire darf alles! Einem Magazin, dessen Macher sich wissentlich und willentlich seit Jahrzehnten in Gefahr begeben und dabei auch in der teils heftigen Kritik westeuropäischer Politiker und Medien standen?

Dass Charlie Hebdo ein auf Papier gedrucktes Magazin ist, ist so ziemlich alles, was viele Printmedien, die jetzt „Wir sind Charlie“ titeln, mit ihm gemeinsam haben. Nein, wir sind nicht Charlie Hebdo. Unsere Kinder wurden am Vormittag des 7. Jänner nicht zu Waisen gemacht. Wir haben nicht seit Jahrzehnten alles für die Freiheit der Meinung, der Kunst und der Medien riskiert ­– ohne Kompromiss und ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer oder schon gar auf unsere eigene Sicherheit. Wir sind nicht Charlie. Aber wir sollten vielleicht versuchen, mehr wie Charlie zu sein und die Freiheit, die wir so vehement für uns in Anspruch nehmen, auch tatsächlich nützen.

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Kommentare

35 Postings

  • Edin NoGracias
    Auf den Punkt
  • elke nosko
    ja, stimmt! nicht mehr dazu zu sagen.
  • Winfried Eberl
    Gut!
  • Bert Russel
    Großartiger Kommentar.
  • Sy Neuherz
    gut.
  • Holger Essing
    Quatsch! Natürlich sind wir nicht Charlie, sondern Walter Müller, Büroangestellter und Liese Färber, Ärztin. Aber das wir die selbe gedankliche Freiheit haben und unterstützen, ist doch vollends in Ordnung! Je suis Charlie
  • Michael Ziesmann
    Mal wieder ein Kommentar wie eine gesellschaftliche Geisterfahrt (wie schon zum Rauswurf von Matthias Schönwandt bei Gruner+Jahr und NEWS): Wer mit bissiger Satire provoziert ist selbst Schuld wenn er hingerichtet wird. Sowas kann wirklich nur aus Österre
  • klaus vyhnalek
    herr ziesmann, welchen kommentar haben sie gelesen? und was hat das mit schönwandt/news/etc zu tun? etwas bewusst falsch zu verstehen und in so einem moment anscheinend zu versuchen alte rechnungen zu begleichen (vermute ich mal ohne die sache zu kennen)
  • Schlafes Bruder
    Sehr guter Kommentar und absolute Zustimmung zum letzten Satz.
  • Elke Nosko
    Hm, Hr. Ziesmann, ich les da ganz was anderes?
    "Je suis Charlie" scheint heute das schnelle "liken" zu sein, das halt alle aus den sozialen Netzwerken gewohnt sind.
  • ich auch ich
    Tres intelligent comme toujour. Hoch lebe das intelligente Osterreich."JE SUIS CHARLIE" il manque un doigt d'honneur....
  • ichauchich molibiz
    Non rien... par respect pour ma famille je m'arrete la .
  • John Doe
    Die letzten 7 Zeilen finde ich sehr korrekt!
    Es wird Zeit das wir für mehr Bildung und Wertevermittlung sorge leisten - für unsere eigenen Kinder, Kollegen, Nachbarn, zu gereiste Gäste und selbiges die es mal (wie ich selbst) waren.

    Das Leben ist rei
  • Gianni Guidon
    Liebe Charlies, die Ihr glaubt es zu sein. Sucht Euch einen Bleistift und zeichne wie Charlie (zeichne können wir seit Kindheit, natürlich nicht so gut wie Charlie). Habt den Mut zum Risiko. Veröffentlicht diese Zeichnung. Dann seid Ihr "Charlies".
  • moli biz
    pour une duré déterminer je m’appellerais Charlie, alors ça me concerne. donc je vais répondre on nom de tout les Charlies. vous faite exprès ou quoi ? il s'agit pas d'un nom ou un savoir de dessiner. parfois ca fait du bien de juste savoir que on est p
  • Marcus Ertle
    Bei allem Respekt. Aber ich finde das etwas wohlfeil. Eine Geste der Solidarität und des Mitgefühls als anmaßend zu bezeichnen. Dann schreiben wir eben nicht: Wir sind Charlie, dann schreiben wir eben: Wir wären gern wie Charlie, wenn wir keine so feigen
  • F Fisch
    "ohne Kompromiss und ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer"

    Pardon, das geht jetzt gegen den aktuellen Mainstream, aber das o.a. vom Auto propagierte Motto ist alles andere als erstrebenswert !

    "ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer" ist ein absol
  • G P
    an Marcus Ertle, und andere "Korrekte": genau: feige Schweine, das sind wir! Wir arbeiten im Medien-Biz und durchschauen die Mechanismen wohl ein wenig mehr, als viele andere, die sich wirklich von Herzen "Wir sind Charlie" nennen. Aber wir dulden, das ei
  • Marcus Ertle
    AN G P

    Ich schlage vor meinen Kommentar zu lesen und mit ganz geringem intellektuellen Aufwand werden Sie verstehen, was ich geschrieben habe.
  • nic kö
    Man(n) man(n) man(n), ich habe nur darauf gawartet, dass so´n Pseudo-Intellektueller wieder die ANTI- (Solidaritäts-) Schublade aufmacht! Wie sagte schon meine Oma: "Einfach mal die Gusche halten, wenn man nicht wirklich was zu sagen hat!" In diesem Sinne
  • Sebastian Loudon
    @nik kö
    Danke für Ihr offenes Feedback! Wenn Sie meinen Text in der "Anti-Solidaritäts-Schublade" sehen, ist mir gehörig was misslungen, und dann tut mir das sehr leid. Das Gegenteil ist der Fall. Mir geht es darum, die Vereinnahmung der Terroropfer durc
  • jan krone
    auch missverständnisse muss man sich verdienen. die kunst- und meinungsäußerungsfreiheit im medienbetrieb auf die pressefreiheit zu reduzieren ist unbillig und deshalb in den grundrechtekatalogen getrennt. so habe ich sie verstanden und so stimme ich ihne
  • Andreas Steininger
    Punktgenau - ich und die meisten von der Gesamtmenge "Wir" sind nicht Charlie - weil feige, angepasst und bequem. Jetzt sticht es uns kurz, aber in drei Wochen sind wir wieder brav, angepasst und ruhig.
  • G P
    Wie auch Herr Steininger schreibt, wollte ich lediglich zum Ausdruck bringen, dass einerseits gerade unsere Zunft, aber viele andere Menschen auch, die Mittel und Wege hätten mutige Inhalte zu kommunizieren, aber es aus Angepasstheit, Mainstream-Dasein un
  • S. R.
    Wir trauern alle um die Menschen, die in Paris gestorben sind und ich danke Österreich für das ehrliche Kommentar. Hierzulande (Deutschland) spricht man in Politik und Presse leider mit falscher Zunge.

    Ich bete zu Gott, dass Sie nicht umsonst gestorben
  • Tim Gelewski
    Sehr geehrter Herr Loudon,
    leider ist ihr Kommentar völlig unsinnig, war es doch nie das Anliegen, sich mittels 'wir sind charlie' auf eine Stufe mit den Opfern zu stellen. Seitens der Medien wird hier lediglich versucht, sich solidarisch zu erklären, s
  • Birgit Kraft-Kinz
    Gratulation zum Artikel, lieber Sebastian Loudon!
  • Carl Napfinger
    Danke für disen treffenden Kommentar. So etwas liest man in DEutschland kaum.
  • Leo Lübbers
    @nik kö
    Sie haben offenbar gar nichts kapiert. Die zur Schau gestellte Solidarität der Mainsteammedien ist purer Populismus. Von denen hat sich noch nie jemand aus dem Fenster gelehnt wie Charlie Hebdo.
  • Sebastian Loudon
    @Tim Geleweski

    Danke für Ihre legitime Kritik. Ja, es handelt sich hier um einen Nebeaspekt der Metaebene, dessen Bedeutung in keinem Verhältnis zum grauenvollen Anlass steht.

    Aber ich bin nun einmal Medienbeobachter von Beruf, und die Vereinnahmung
  • Jean Guillaume Longue
    "Nein, Wir sind nicht CHarlie"...diese Gedanken dachte auch ich, als ich diese Zeile las. Eben habe ich den Link zu dieser Seite bekommen und aufmerksam gelesen, was geschrieben steht. Grundsätzlich unterscheide ich zwischen dem, was ich fühle und dem was
  • Stern Schnuppe
    Kann man sicherlich so sehen. Trotzdem denke ich, dass es sich bei “Wir sind Charlie“ eher um eine plakative Solidaritätsbekundung als um eine Vereinnahmung der Opferrolle handelt, die der Autor den Millionen Menschen unterstellt, die gegen Gewalt und für
  • Ingo Schulze
    Ich bin genau Ihrer Meinung, das allumgreifende " je suis Charlie" ist mir irgendwie auch nicht sehr geheuer, es ist mir aber ganz gewiss dort zuwieder wo es in Heuchelei mündet.

    Diesen Text habe ich vorgestern geschrieben und über mein Profilbild bei
  • moli biz
    Hallo, guten morge, auf wachen..... es geht hir nicht um einen namen...
  • moli biz
    Guten tag ich bin jude, hallo ich bin christ, und ich bin muselmane.ich bin charlie heist ich bin mensch also heiBen wir alle Charlie... ich scheiss auf eure religion,mesch ist mensch und an was wir glauben geht nur uns was an... Charie scheisst auf relig
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