Wie man Online Diskussionen sinnvoll nutzt und steuert

Zeit Online analysiert Kommentare und Usertypen mit spannenden Ergebnissen

1.442 Kommentare auf einen einzigen Artikel. Das ist sogar für ZEIT ONLINE eine ganze Menge und hat den Jungs aus dem Community Management den Anstoß gegeben, diese mal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Die wirklich bemerkenswerten Ergebnisse haben sie uns heute auf der re:publica präsentiert. Es ging ihnen einerseits darum herauszufinden, ob man verschiedene Typen von Kommentarschreibern identifizieren könne und andererseits auch welche Kommentare welchen Einfluss auf die Diskussion hatten. Beides führte zu interessanten Erkenntnissen. Aber mal von Anfang an.

Beim untersuchten Artikel handelte es sich um einen Bericht zur Diskussion eines möglichen Grundgehalts in Deutschland. 200 Personen kommentierten insgesamt. Bis zu 180 Kommentare wurden pro Person abgegeben. Der Großteil der Diskussionsteilnehmer schrieb aber lediglich zwei bis vier Kommentare im Verlauf von acht Tagen.

Interessant waren vor allem die Kommentarstränge. Während ein großer Teil sich direkt auf den Artikel bezog und keine weiteren Antworten zur Folge hatte, gab es einige, die sich über mehrere Tage zu einem regelrechten Diskussionsforum entwickelten. Die längste Kommentarkette hatte 18 Antworten auf den Ursprungskommentar und zog sich vom ersten bis zum achten Tag durch.

Welche Kommentare bekommen besonders viele Antworten?

Welche Kommentare die Diskussion befruchten und dazu führten, dass dieser Artikel so erfolgreich wurden, interessierte das Team natürlich besonders. Folgende Faktoren betrachteten sie im Detail und analysierten ihren Einfluss auf die Folgekommentare:

  • Tag der Debatte 
  • Tageszeit 
  • Haltung zum Artikel 
  • Argumentationsniveau 
  • Integration von Argumenten 
  • Thematische Breite 
  • Beleidigende Sprache 
  • Moderierendes Eingreifen 
  • Leserempfehlung 
  • Aufruf zum Handeln 
  • Adressat

Als signifikant für die Anzahl der Antworten auf einen Kommentar stellten sich dabei folgende Faktoren heraus:

  • Tageszeit 
  • Haltung zum Artikel 
  • Argumentationsniveau 
  • Thematische Breite 
  • Leserempfehlung

Entgegen der ursprünglichen Vermutung, dass beleidigendes Verhalten einer der Hauptauslöser von hitziger Diskussion sein könnte, erwies sich das genaue Gegenteil als die Wahrheit. Je höher die Kommentarqualität ausgeprägt war, desto mehr Folgekommentare wurden gemessen.

Welche Nutzertypen gibt es?

Ob es unterscheidbare Gruppen von Kommentarverfassern gibt und was diese charakterisiert, war der zweite Aspekt, der intensiv untersucht wurde. Und tatsächlich konnten vier Cluster von Personen gebildet werden, die sich deutlich voneinander unterscheiden:

Typ 1 - Der Pöbler

Im Internet-Jargon auch als „Trolle“ bekannt ist diese Gruppe die auffälligste in online Diskussionen. 25% aller User vielen in diese Kategorie. Sie verfassten allerdings nur 11% der Kommentare.

  • Der Pöbler beteiligt sich mit zwei bis drei kurzen Kommentaren relativ niedriger argumentativer Güte, 
  • verwendet unhöfliche Sprache, ohne Versuche zu unternehmen Argumente zu integrieren, 
  • äußert sich nur zu einem Teilaspekt der Debatte und richtet sich eher gegen die im Artikel vertretene Meinung. 
  • Er ist über den gesamten Verlauf der Debatte aktiv.

Typ 2 - Der Musterschüler

Ebenfalls 25% aller User fallen in diese Rubrik. Sie kommentieren aber noch selektiver und weniger. Lediglich 7% der Kommentare kamen von Personen dieses Clusters.

  • Der Musterschüler schreibt wenige, lange Kommentare in freundlichem Ton, die viele Leserempfehlungen bekommen, 
  • argumentiert auf hohem Niveau und vereint unterschiedliche Aspekte in einem Kommentar, 
  • äußert sich zur Hälfte der diskutierten Aspekte und versucht, Argumente zu integrieren, 
  • bezieht sich weniger auf andere User und vertritt eher die Meinung des Artikels, 
  • und ist vor allem an Tag zwei und drei der Debatte aktiv.

Typ 3 - Der Bemühte

Diese Kategorie von Usern machte 14% an deren Gesamtheit aus. Allerdings verfasste dieser Typ den größten Teil der Kommentare, nämlich 70%.

  • Der Bemühte beteiligt sich also mit überproportional vielen Kommentaren mittlerer Länge, die allerdings wenig von anderen Lesern empfohlen werden, 
  • verwendet einen relativ freundlichen Ton, allerdings mit mittelmäßiger argumentativer Güte, 
  • greift zwar verschiedene Aspekte auf, bezieht sich auf andere User und äußert sich zu fast allen Aspekten der Debatte. Eine Integration von Argumenten schafft er allerdings eher selten. 
  • Ausserdem ist er den ganzen Tag über aktiv und bleibt der Debatte bis zum Ende treu.

Typ 4 - Der Besserwisser

33% aller User fielen in diese Kategorie. Von ihnen kamen 11% der Kommentare.

  • Der Besserwisser beteiligt sich mit wenigen, kurzen Kommentaren zu ein bis zwei Aspekten der Debatte, die scharf bis beleidigend formuliert sind, 
  • bekommt viele Leserempfehlungen, 
  • verwendet mittlere bis hohe argumentative Qualität, 
  • richtet sich stärker als andere User an die Autoren des Artikels und vertritt dabei eher eine dem Artikel entgegengesetzte Meinung, 
  • bezieht sich kaum auf die anderen User, diese beziehen sich aber auf ihn, 
  • und ist vor allem am ersten Tag zwischen 17 und 23 Uhr aktiv.

Zusammengefasst ergibt das ein Bild, in dem sich klar Masse von Klasse unterscheiden lässt. Während „Pöbler“ und „Bemühter“ wenig zu Qualität und Erfolg der Kommentarentwicklung beitragen, konzentrieren sich die Aspekte, die zu vielen Antworten führen, klar auf die Typen „Besserwisser“ und „Musterschüler“.

Was können wir uns daraus mitnehmen?

Als Redakteur ist die Empfehlung klar, die Strategie an die unterschiedlichen Usertypen anzupassen. Es stellt sich die Frage, wie Pöbler vermieden, Bemühte zu besserer argumentativer Qualität bewegt und Musterschüler sowie Besserwisser unterstützt werden können.

Als User zeigt sich deutlich die Wichtigkeit von guten Argumenten. Diese sollten idealer Weise in freundlicher Umgangsform, ohne Beleidigungen angebracht werden.

Als Leser empfiehlt es sich besonders, nach den Musterschülern Ausschau zu halten. Sie transportieren mit Abstand den meisten Wert.

Was sind eure Erfahrungen mit Online Diskussionen? Könnt ihr die vier User-Typen bestätigen? Lasst mich eure Meinung in den Kommentaren wissen.

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