„Wer nicht digital denkt, ist raus“

Eveline Steinberger-Kern im Gespräch über Inno­vationen, die Details zum Start-up-Hub weXelerate, das Wertschöpfungspotenzial und die Gesprächs­themen mit ihrem Ehemann, Kanzler Christian Kern.

HORIZONT: Mit weXelerate entsteht der bisher größte Start-up-Hub in CEE in Wien, als quasi „Geburtshelferin“ sind Sie dabei federführend tätig. Nun startete vor Kurzem die Bewerbungsphase. Wie viele Anträge gibt es bisher?

Eveline Steinberger-Kern: Es ist noch zu früh um eine Bilanz zu ziehen. Wir erwarten aber wahnsinnig viele Bewerbungen und das ist uns auch sehr recht. Je mehr, desto größer ist die Chance, mit einer qualifizierten Auswahl übrig zu bleiben. Wir wissen von anderen Hubs, wie aus dem Silicon Valley oder aus Israel, dass man diesen hohen Faktor auch benötigt. Wir wollen die 100 besten Start-ups pro Jahr gewinnen und glauben, uns mit 10.000 Bewerbungen pro Jahr beschäftigen zu müssen. Ja, das ist eine Mammutaufgabe.

…die von wie vielen Personen gestemmt werden wird?

Im Moment sind wir im Aufbau des weXelerate-Teams. In Summe werden es 15 bis 16 Vollzeitmitarbeiter sein, im Vollausbau im August. 

Welche konkrete Rolle haben Sie dabei inne?

Ich helfe mit, das Projekt aufzusetzen und stehe dann als Mitglied im Advisory Board zur Verfügung – wie im Übrigen viele andere tolle Menschen auch.

Welche sind das?

Es gibt fünf private Investoren, die sich neben Hassen Kirmaci, dem Initiatior und Gründer an der WeXelerate GmbH beteiligt haben – diese werden auch in das Advisory Board einziehen; aber auch Menschen mit großer Expertise in den Industriefeldern, die wir abdecken. Mit an Bord sind unter anderem Andreas Rudas, Medienmanager in der RTL-Gruppe, oder Attila Dogudan, der mit Do & Co sehr innovativ unterwegs ist.…

…und die Start-ups auch mit seinem Essen verköstigen wird.

Er wird den Gastrobereich im Erdgeschoß managen und betreuen, ja. Ins Advisory Board werden aber auch Repräsentanten unserer Industriepartner aufgenommen.

Von welchen Firmen sprechen wir da?

Wir haben bereits starke Unternehmen an Bord wie Uniqa, T-Mobile oder die Bank Austria/den Bankenverband. Allgemein haben wir sehr stark begonnen die Unternehmen der Versicherungs- und Finanzbranche mit unserem Angebot anzusprechen. Österreich hat hier einen bedeutenden Sektor. Wir wollen ihr Innovationsmanagement komplementieren, damit sie nicht weiter ins Ausland gehen müssen, wenn es um digitale Skills im Bereich Fintech, Cybersecurity oder Big Data geht.

Wir haben starke Talente auch in Österreich. Es braucht nur das richtige Ökosystem. Auch Infrastruktur ist ein Bereich auf den wir stark setzen – von der Mobilität über die Logistik bis hin zur Energie. Darüber hinaus fokussieren wir auf asset-based Companies, also Industrieunternehmen von Andritz über Kapsch bis Siemens. Auch Media ist ein wichtiger Zweig – ohne Digital Media lässt es sich kaum überleben. Schließlich gehen wir Medienpartnerschaften ein, um den produzierten Content des Ökosystems aus Industrien, Investoren, Inkubatoren und Start-ups zu kommunizieren und zu materialisieren – zwei sind bereits fixiert: mit dem ORF und dem Kurier-Medienhaus. 

Wie viele Millionen an Wertschöpfung sollen durch weXelerate denn generiert werden?

Das ist schwer einzuschätzen. Das World Economic Forum erwartet etwa, dass der Wert der digitalen Wirtschaft alleine in den G20-Staaten bei 4,2 Billionen Dollar liegen wird. Brechen wir das auf Österreich mit starker Einbindung des CEE-Raumes herunter, eröffnen sich damit einige Milliarden Euro, die hier an neuer Wertschöpfung entstehen.

Für das Wachstum braucht es auch die passenden Rahmenbedingungen. Was kann die Politik tun, um die Unternehmerszene anzukurbeln und ihr einen langfristigen Bestand zu ermöglichen? Immerhin sperren Statistiken zufolge zwei Drittel der jungen Firmen nach nur drei Jahren wieder zu.

Junge Gründer haben oft viel Know-how in ihren Wissensgebieten, brauchen aber Unterstützung beim Zugang zu Kunden und Markt, mit dem regulativen Umfeld oder bei der Strategieentwicklung generell. Die öffentliche Hand hat dafür Start-up-Inkubations- und -Akzelerationsprogramme ins Leben gerufen. Der Staat unterstützt gezielt mit Förderungen in diesem Bereich. Neben all diesen Aspekten spielt auch Standortattraktivität eine Rolle – Steuern und Abgaben, Risikokapital, Incentivierungen im Bereich Unternehmensansiedlungen. Österreich hat – wie viele andere Staaten – die Rahmenbedingungen angepasst, um im internationalen Wettbewerb reüssieren zu können. 

Wo aber muss noch nachgesetzt werden?

Wir hinken im Bereich Risikokapital hinterher. Wir brauchen noch viel mehr Risikobereitschaft in Form von Wagniskapital von Investoren in Österreich, wenn es darum geht, die Unternehmensmodelle international zu skalieren – also im Bereich Series B, C und Folge-Finanzierungen. Wie die Politik da unterstützen kann, können die Politiker besser beantworten. Wir schaffen mit weXelerate jedenfalls einen Innovations-Cluster, der auffällt und wahrgenommen wird. Gute Ideen ziehen Geld an und wir attraktivieren das Ökosystem. Das ist ein kommunizierendes Gefäß.

Auch das Senken der Lohnnebenkosten wäre eine Möglichkeit?

In der Gründungsphase und in der Frühphase wäre das sicherlich eine Erleichterung für viele Gründer.

Mit dem Plan A gibt es klare Vorstellungen zum Bereich Start-ups. Die FPÖ attackierte Sie, dass Christian Kerns Papier in Zusammenhang mit Ihren Initiativen im Start-up-Bereich stehen und Sie von dem Regierungsprogramm profitieren würden. Hat Sie das geärgert?

Ärger ist hier nicht der richtige Begriff. Jeder, der sich mit Innovation beschäftigt, ob privatwirtschaftlich oder im öffentlichen Bereich und seine Analyse macht, kommt zum selben Schluss, nämlich, dass wir den Herausforderungen der digitalen Transformation aktiv begegenen müssen. Wer nicht digital denkt, ist raus. Ich arbeite privatwirtschaftlich an diesen Themen und das seit Jahrzehnten, insofern lasse ich mich von so einer Kritik auch nicht beirren. Dass sich die österreichische Bundesregierung damit beschäftigt, wünschen wir uns alle – auch die Bürger, weil es der Jobmotor ist. Durch neue erfolgreiche Firmen werden neue, attraktive Stellen geschaffen.

… die allerdings auch in Österreich bleiben und nicht abwandern sollten. Wie wollen Sie das erreichen?

Indem wir ein gutes Umfeld schaffen und die Industrie zur Kooperation ermuntern, mit den Start-ups auch Möglichkeiten am Point of Sale zu schaffen. Daraus kann vieles entstehen, sich multiplizieren und weiter wachsen. Da erfinden wir das Rad nicht neu, Hubs funktionieren weltweit – ob das in Amerika, in Israel oder einigen europäischen Städten ist. Da wollen wir nicht länger zuschauen sondern selbst aktiv werden. 

Zudem sollen Talente aus dem Ausland nach Wien geholt werden, der Hub steht nationalen wie internationalen Start-ups offen. Gibt es einen Verteilungsschlüssel bei den Aufnahmen?

Wir gehen von den derzeitigen Zahlen aus und müssen realistisch annehmen, dass wir in der ersten Phase rund 70 Prozent der Projekte vom Ausland aus nach Wien holen müssen und wollen, weil wir hier noch nicht das Ausmaß und die Anzahl an qualifizierten Start-ups vorfinden. Wir hoffen aber, durch den Hub auch das österreichische Jungunternehmertum weiter voranzubringen. Im Moment fokussieren wir bei den internationalen Start-ups die Region Osteuropa, weil es ein großer Wirtschaftsraum ist und die Szene dort noch sehr fragmentiert ist. Es gibt dort noch keinen Hub, wir sehen das als Chance für Wien, das ja auch immer eine Brücke zu Osteuropa war.

Kommen wir zum Inhaltlichen: Welche Branchen stehen beim Auswahlprozess der Start-ups besonders im Fokus und haben das meiste Potenzial?

Wir zielen bei Startups mehr auf High-Tech-Trends als auf Branchen, in denen sie tätig sind, ab. Hier werden Themen wie Internet of Things, Blockchain oder Artificial Intelligence essenziell – und natürlich Big Data. Jede Industrie setzt sich zunehmend zum Ziel, Kundendaten sinnvoll einzusetzen.

Themen, die derzeit – noch – stark männerdominiert sind. Auch die Zahlen belegen: Die neuen Firmen werden meist von Männern gegründet. Woran liegt das?

Das ist schwer zu sagen, Aufholbedarf gibt es jedenfalls. Im Silicon Valley sind nur elf Prozent der Führungskräfte Frauen und nur sieben Prozent der Venturecapital-finanzierten Start-ups werden von Frauen geführt. Zudem: Nur neun Prozent der Apps in Europa werden von Frauen geschaffen. In Österreich ist der Aufholbedarf noch größer. Umso wichtiger ist es, dass wir unsere Kinder schon früh an diese Themen heranführen – und zwar über Bildung. Natürlich geht es darum Stärken zu stärken, aber unsere Mädchen sollten schon früh das gesamte Angebot an Möglichkeiten kennenlernen und dazu gehören nun mal im digitalen Zeitalter zunehmend technische und mathematische Fertigkeiten.

Haben Sie bei weXelerate über eine definierte Zahl an Frauen nachgedacht – beim Team als auch bei den ausgewählten Start-ups?

Wir bemühen uns sehr, auch in der Teamauswahl, gleichberechtig aufgestellt zu sein – weil wir mit gutem Beispiel vorangehen wollen und zutiefst der Meinung sind, dass gemischte Teams von Vorteil sind.

Zum Abschluss eine persönliche Frage: Im Interview mit bestseller vergangenen Sommer war Ihr Ehemann Christian Kern erst kurz im Amt des Kanzlers. Damals verrieten Sie uns, dass Sie am Küchentisch über die Zukunft von Start-ups sprechen und der Industrie dahinter. Worüber sprechen Sie denn momentan?

Wir unterhalten uns immer wieder darüber, wo und wie wir gemeinsam Zeit mit der Familie verbringen, das müssen wir wesentlich besser planen als in den vergangenen Monaten und Jahren. Wir sind eine Patchwork-Familie, umso mehr muss man darauf achten dass alle qualifiziert Zeit haben. Es ist ja nicht mehr so, dass nur wir Erwachsenen keine Zeit mehr hätten (lacht), auch die Kinder werden älter. Darüber hinaus unterhalten wir uns auch über das aktuelle Geschehen in Österreich und träumen, wie viele Österreicher, von einer guten Zukunft und was man dazu beitragen kann – jeder in seiner Rolle. Ich in der Wirtschaft und mein Mann in der Politik. 

Wien schafft den größten Start-up-Hub Zentraleuropas
Mit weXelerate entsteht im Design Tower am Donaukanal auf 8.000 Quadratmetern der größte Start-up-Hub Zentraleuropas. Auf vier Etagen werden ab September 2017 Hunderte Start-ups mit Großunternehmen, Inkubatoren und anderen Mitgliedern der Szene an neuen Geschäftsmodellen arbeiten. Die Stadt Wien fördert das Projekt mit 280.000 Euro. Im laufenden Betrieb wird weXelerate vor allem durch Konzerne finanziert, die sich drei Jahre binden, wenn sie in den Hub einziehen und die dortigen Services nutzen: Je nach Modell kostet dies bis zu 250.000 Euro pro Jahr. Die Mieten für die etablierten Start-ups entsprechen dem üblichen Mietniveau in der Gegend, für geförderte Start-ups ist die Teilnahme an einem 100 Tage dauernden Accelerator-Programm gratis. Im Erdgeschoss entsteht ein Coworking-Space; im ersten Stock wird das Accelerator-Programm für ausgewählte Start-ups eingerichtet. Das zweite Stockwerk gehört den etablierten Start-ups, im dritten Stock werden schließlich die Corporate-Partner und Konferenzräume untergebracht. 

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