Welchen Medien die Österreicher vertrauen

Qualitätszeitungen gelten als glaubwürdig, Onlineplattformen laufen eigenen Zeitungen den Rang ab. Die Bedeutung von Glaubwürdigkeit an sich sinkt – das birgt Gefahren.

Eine aktuelle Studie stellt Medien ein schlechtes Glaubwürdigkeitszeugnis aus: Fast ein Drittel der Mediennutzer ist skeptisch in Bezug auf den Wahrheitsgehalt der Nachrichten, Webportale sind demnach oft bereits glaubwürdiger als etablierte Qualitätsprintmedien. Dabei ist den Menschen das Thema Glaubwürdigkeit an sich gar nicht mehr so wichtig.

In der Diskussion um Fake News und Co stellt sich nun heraus, dass Glaubwürdigkeitsprobleme gar nicht das eigentliche Thema sind - sondern der Faktor Glaubwürdigkeit an sich. Denn vom engsten persönlichen Umfeld abgesehen, ist den Menschen zunehmend egal, ob jemand Glaubwürdigkeit besitzt oder nicht. Besonders gleichgültig stehen sie der Glaubwürdigkeit von Medien gegenüber. Das hat das aktuelle „Glaubwürdigkeits-Ranking“ der Wiener Strategieberatungsagentur klar. und des Marktforschungsinstituts Marketagent.com analysiert, das HORIZONT vorab vorliegt. Befragt wurden dafür 1.500 Personen. Lediglich 57,3 Prozent sagten, bei Politikern sei ihnen Glaubwürdigkeit wichtig. Und weniger als die Hälfte aller Österreicher legen Wert auf die Glaubwürdigkeit jener Medien, die sie konsumieren - siehe dazu die Grafiken unten.

Eigene Webportale überholen Print

Im Ranking der zehn glaubwürdigsten Medien Österreichs befinden sich vier Onlinenachrichtenportale, die traditionellen Qualitätsprintmedien wurden in Sachen Glaubwürdigkeit teils von ihren Internetabkömmlingen überholt. Glaubwürdigstes Medium des Landes ist demnach die Website derstandard.at mit einer Glaubwürdigkeitszustimmung von 66,4 Prozent - sie liegt vor der Printausgabe des Standard, die auf 65 Prozent kommt und fünftglaubwürdigstes Medium ist. Dieselbe Ordnung gilt für das Webportal diepresse.com, das mit 65,6 Prozent Glaubwürdigkeitszustimmung an dritter Stelle im Ranking und damit vor seiner Printversion (65,2 Prozent) liegt. Auch für den ORF gilt das, dort hat das Webportal orf.at die TV-Kanäle des Senders beim Thema Glaubwürdigkeit überflügelt - und ist mit einer Zustimmung von 62,1 Prozent das siebtglaubwürdigste Medium im Land, gefolgt von ORF III.

Glaubwürdige Qualitätsmedien

Bei den herkömmlichen Medien tut sich in Sachen Glaubwürdigkeit wenig Überraschendes. Bei Print sind die Qualitätstageszeitungen voran (Die Presse liegt knapp vor dem Standard, dahinter folgen die Salzburger Nachrichten und das Nachrichtenmagazin profil), beim Radio hat Ö1 die Nase vorne. Bei den Fernsehstationen kann sich der Spartenkanal ORF III über den besten Wert freuen. Je gebildeter ein Mediennutzer ist, desto umsichtiger geht er laut Umfrage mit der Beantwortung der Frage nach der Glaubwürdigkeit eines Mediums um. Knapp 55 Prozent aller Befragten mit lediglich Pflichtschulabschluss sind bereit, Medien die Bewertung „sehr glaubwürdig“ oder „eher glaubwürdig“ zu geben, während es bei den Maturanten und Universitätsabsolventen nur 49,2 Prozent sind.

Die oftmals vorherrschende Gleichgültigkeit zum Thema Glaubwürdigkeit ortet der Wiener Kommunikationswissenschafter Hajo Boomgaarden als beunruhigend: „Wenn Glaubwürdigkeit der Medien nicht mehr wichtig ist, hat das potenzielle Sprengkraft für das Funktionieren unseres demokratischen Zusammenlebens.“ Die daraus resultierenden Schlüsse bergen aber weitere Gefahren für die Gesellschaft.

Als Folge der sinkenden Bedeutung von medialer Glaubwürdigkeit sieht Boomgaarden weiters die Gefahr, dass die Gesellschaft „in unterschiedliche Informationskosmen zerfällt“. Übersetzt: Die Menschen konsumieren Nachrichten in erster Linie nur in ihren jeweiligen Bubbles, deren Befüllung mit Nachrichten von Algorithmen bestimmt wird - jeder bekommt die News, von denen eine Software errechnet hat, dass er sie sehen will. Nicht ethischen Grundsätzen verpflichtete, ausgebildete Journalisten bestimmen das Abbild der Realität in den Medien, sondern Computerprogramme.

Ununtersucht ist derzeit noch, ob das eine weitere Schere aufgehen lässt. Qualitätsmedien beispielsweise sind umso glaubwürdiger bei ihren Lesern, je gebildeter diese sind. Der Tageszeitung Die Presse etwa bescheinigen 71,4 Prozent der Maturanten und Uniabsolventen Glaubwürdigkeit, aber nur 62,9 Prozent der Pflichtschulabsolventen tun das. Die Frage ist auch, ob die Kluft aufgeht zwischen durch Bildung gut Informierten, die verschiedene Medien konsumieren und immer weniger werden, sowie immer mehr Desinformierten, die Nachrichten nur aus ihren Bubbles beziehen. Jens Seiffert-Brockmann, wie Boomgaarden Wissenschafter am Wiener Publizistikinstitut, sieht diese Gefahr noch nicht: „Mediennutzung hat weniger mit Bildung zu tun - entscheidend ist, wie man sozialisiert wurde.“ Die Studie von Marketagent.com und klar. brachte jedenfalls auch zutage, dass politisch rechts eingestellte Mediennutzer eher als Links-Wähler dazu tendieren, Boulevardmedien wie Österreich, Heute oder der Kronen Zeitung zu glauben, als dem Standard, der Presse oder dem profil. Dieses Phänomen trifft auch umgekehrt zu.

Faktor Transparenz

Was das Glaubwürdigkeitsproblem für die weitere Entwicklung der Mediennutzung und die Arbeit von Journalisten, PR- oder Werbetreibenden bedeutet, scheint offen. „Je herausfordernder die Zeiten, desto wichtiger ist glaubwürdiges Verhalten“, sagt Birgit Brandner von der Agentur klar., die mit Marketagent.com das Glaubwürdigkeitsranking erstellt hat. Ihr Agenturkollege Sepp Tschernutter empfiehlt Medienschaffenden: „Sagen, was Sache ist, Pro und Kontra beleuchten, transparent agieren. Damit wäre schon viel gewonnen.“

[Klaus Puchleitner]

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