„Warum zur Hölle reden wir über digitale Revolution?“

Die exklusive Erstauflage der Wiener Digitalkonferenz „Darwin's Circle“ bot neben 55 hochkarätigen Speakern zahlreiche Referenzen an ihren Namenspatron.

Schon am Beginn des „Darwin's Circle“ stand ein - nein das -Zitat seines Namenspatrons. „Es sind nicht die Stärksten unter den Lebewesen, die überleben und es sind auch nicht die Intelligentesten, sondern, die, die sich am Besten anpassen“, hieß es schon zur Begrüßung beim ersten Wiener Digitalkongress im „Haus der Industrie“ von Moderatorin Sandra Thier (diego5). Ein Motto, das sich wie ein roter Faden durch die 24 Programmpunkte mit insgesamt 55 hochkarätigen Speakern, ziehen sollte. Schon „Hausherr“ Georg Kapsch griff das Thema in seiner Grußbotschaft an den mehr als vollbesetzten Hauptsaal auf und scheute auch vor starken Vokabeln nicht zurück: „Warum zur Hölle sprechen wir von digitaler Revolution? Es gibt keine digitale Revolution - nur eine digitale Evolution.“ Die Geschwindigkeit nehme nur zu.

Ein Motiv, das auch Bundeskanzler Christian Kern in seiner „Rede zur Lage der digitalen Nation“ aufnahm: „Diese Entwicklung kommt und von jetzt an wird sie sich nur noch beschleunigen – jede Hoffnung, das zu bremsen, ist eine Illusion, die man sich aus dem Kopf schlagen sollte“, rüttelte er die Gäste gleich einmal auf. Es gehe nun darum, „an der Spitze dieser Entwicklung zu bleiben“ und das österreichische Wohlstandsmodell zu behalten: „Österreich kann kein Land sein, das sich in einen Wettbewerb begibt um die billigsten Löhne, die niedrigsten Umweltstandards und die niedrigsten Sozialstandards. Unsere Strategie kann nur darin bestehen, dafür zu sorgen, dass wir besser und innovativer werden als andere“, so der Kanzler. Entscheidend eine „Kombination aus Staat und Markt“, die „die einzig erfolgversprechende“ Möglichkeit sei. Die Politik habe dabei die Aufgabe, die Entwicklungsrichtung zu bestimmen.

Im ersten Panel des Tages zu „Ethik und Verantwortung in der digitalen Welt“ pflichtete ihm Palantir-CEO Alexander Karp gleich einmal bei. Der Staat dürfe niemals sein Primat über moralische, ökologische und ökonomische Fragen aufgeben beziehungsweise an Konzerne abgeben, sondern müsse Verantwortung übernehmen. Karp, der nur äußerst selten in der Öffentlichkeit auftritt, weil „er sehr schüchtern“ sei, plädierte für Terrorismusbekämpfung, ohne dabei den Datenschutz aufzugeben. Sein Big-Data-Unternehmen gebraucht große Mengen an gesammelten Daten, um beispielsweise Sicherheitsbehörden zu unterstützen - Kritiker werfen Palantir ein Naheverhältnis zu Geheimdiensten vor. „Daten werden zerlegt und nach gewissen Regeln ausgewertet“, umschrieb Karp sein Tätigkeitsfeld. Die Digitalisierung habe bislang nur den Firmen im Silicon Valley genutzt - in der „zweiten Halbzeit“ müsse jetzt zusehen, dass auch die Bevölkerung profitiere.

Messi kann kein Verteidiger sein
Digitalisierung werde vielerorts als Bedrohung aufgefasst, meinte Kern. Zu einem gewissen Teil liege das auch daran, dass „wir Strategien haben, uns alles schlechtzureden“. Österreich müsse sich auf seine USPs besinnen: Man könne aus einem Messi auch keinen Verteidiger machen, sondern müsse ihn mit Elfmeter-Training noch effizienter machen. „Wir werden es nicht schaffen, in Österreich ein zweites Amazon, Google oder Facebook zu produzieren. Eine 14-prozentige-Steuerquote für Unternehmen, die in Österreich in Entwicklung und Forschung investieren, nannte er als Beispiele für Standortvorteile und Investitionen von voestalpine und Samsung als Erfolgsgeschichten. Reagieren müsse man aber beim Steuermodell: “Es kann nicht sein, dass Starbucks weniger Steuern zahlt als eine Würschtelbox am Ring„, klang etwas Wahlkampfrhetorik mit.

Ein weiterer der zahlreichen prominenten Speaker hatte danach die Bühne: Alibabas Europa-Chef Terry von Bibra, der erst in seiner Keynote und dann im Panel zur “Neuen Ära des Handels„ mit Markus Braun (Wirecard), Marcel Haraszti (REWE International) unter der Moderation von Rainer Nowak (Die Presse) über die Eigenheiten des chinesischen Handels sprach. Durch die schiere Größe des Landes und die zunehmende Kaufkraft der Mittelschicht sei ein gewaltiger Anstieg des Online-Handels zu erwarten. “Online ist für viele Chinesen der erste Zugang überhaupt zu großen Marken„, meinte Alibaba. Besonders von europäischen Marken seien viele fasziniert - wo eine Webseite hierzulande vielleicht drei Seiten Beschreibung der Marke und des Produkts habe, seien es in China 15. “Sie wollen eine Marke nicht nur kaufen, sondern verstehen„. Bei den zukünftigen Technologien sei es nicht wichtig, dass es eine Innovation sei, sondern wie man sie einsetze. “Eine Drohne nur als Gag einzusetzen, ist Zeitverschwendung, aber um abgelegene Gebiete zu erreichen, sind Drohnen nützlich.„ QR-Codes, die hierzulande niemand nutze, seien in China auch angesagt und vor allem Livestreams von Influencern: Einzelne Nutzer, die etwa in Europa eine tolle Marke kaufen, würden sofort via Livestream davon berichten und bis zu 200.000 Follower erreichen. “Das ist einer der stärksten Treiber in China„, so Von Bibra.

Guttenbergs Rat an Merkel
Eine weitere Prise Politik bot das Gespräch über “Kultur, Grenzen und Tech„: Der ehemalige deutsche CSU-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (Spitzberg Partners) erwartete danach schwere Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl. Seine Empfehlung für Angela Merkel: “An ihrer Stelle würde ich Marihuana anbauen für die Grünen, aus meinem Garten eine Kohlegrube machen, um die FDP zufrieden zu stellen und ein Dirndl anziehen für die CSU„. An seinem Flug nach Wien habe er am besten die acht Stunden ohne WiFi gefunden - “Acht Stunden ohne Tweets vom Clown im Weißen Haus„, nahm er US-Präsident Donald Trump aufs Korn.

"Revolution gegen die Zukunft"
Neben vielen anderen Facetten der Digitalisierung wie dem Internet of Things oder die Auswirkungen auf Banken oder Mobilität stand am Nachmittag die Zukunft des Journalismus besonders im Fokus: Tech-Journalisten-Legende und Uni-Professor Jeff Jarvis sprach sich im Rahmen des "Darwin Circle" vehement gegen die europäischen Regulierungsbestrebungen aus:  "In der EU heißt es: Lasst uns das Internet fürchten und es regulieren", meinte Jarvis: "Ich will eine Diskussion, in der es nicht um Angst geht, um das was Schlechtes passieren könnte, sondern auch darum, was Gutes passieren könnte. Ich glaube an diesen guten Mittelweg zwischen irrem Pessimismus und irrem Optimismus." Sorgen macht Jarvis auch eine "Revolution gegen die Zukunft", die bei den jüngsten Wahlen erkennbar sei: Denn es gibt Angst vor der Zukunft, Angst vor Jobverlust, Angst vor dem Unbekannten – die Zukunft ist immer unbekannt. Also gibt es verschiedene Reaktionen darauf – und ich fürchte, dass wir eine rechte, populistische, autoritäre Reaktion sehen, um die Zukunft aufzuhalten."

Für den Journalismus selbst gehe es in der Zukunft darum, sich neue Geschäftsmodelle zu erschließen. "Wenn wir nicht innovativ sind, werden wir sterben", nahm sich Jarvis Anleihen bei Darwin. "Ich komme zu der Annahme, dass das Internet das Geschäftsmodell der Massenmedien tötet. Bis jetzt haben wir aber nur dieses Geschäftsmodell ins Internet importiert, wo es nicht funktioniert. Massenmedien gründeten sich auf Verknappung – im Überfluss gehen die Preise hinunter auf Null, die Verzweiflung steigt und so führt uns das alte Massenmedien-Geschäftsmodell von Auflage und Clicks zu großen Buchstaben und Kardashians." Benutzerdefinierte Werbung, E-Commerce, Ausbildung, Events, Services seien Einnahmenfelder, die es zu erschließen gelte. Dabei dürfe es aber nicht zu viele Restriktionen durch Datenschutz geben. Gefragt seien vielmehr Visionen und ein fruchtbarer Boden für Unternehmer.

Bildschirme aus für Facebook
Kurz danach gingen plötzlich die Livestreams auf den Bildschirmen des "Haus der Industrie" aus - aufgrund des heiklen Inhalts durfte das Gespräch zwischen Jarvis und Patrick Walker (Director of media partnerships EMEA bei Facebook) nicht übertragen werden. Walker kündigte in diesem Gespräch mehr Transparenz bei Hidden Ads oder "Dark Posts", also Werbung, die nur von einer anvisierten Zielgruppe gesehen werden kann, an. Das Targeting werde man weiterführen, aber es gebe künftig mehr Checks der Auftraggeber und Kunden sollen prüfen können, von wem solch ein "Dark Post" kommt. Zuletzt gab es ja große Aufregung um russische Werbeschaltungen im Rahmen der US-Präsidentschaftswahlen. Im Kampf gegen Fake News wolle Facebook in Zukunft die Quellen von Nachrichten deutlicher machen und etwa Logos der Nachrichtenseiten abbilden.

Jarvis blieb dann auch zum Panel "Media and Tech" auf dem Podium - zu ihm gesellten sich ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz, Andreas Briese (Head of Strategic Partnerships EMEA und CEE bei YouTube), Journalist Kai Diekmann und Moderatorin Nadja Bernhard. Wrabetz griff sogleich den Kampf gegen Fake News auf: "Medien sind Plattformen von Infowar. Es geht darum, ob wir die richtigen Mittel haben, um Manipulationen aufzudecken." Diekmann verlangte indes ein neues Geschäftsmodell - zusammen mit Online habe man mehr Reichweite denn je, könne aber schwerer monetarisieren, zumal 60 Prozent des digitalen Werbekuchens zu Facebook und Google ginge. Beim Thema Datenschutz wünschte sich der Ex-"Bild"-Chef faire Regeln für Facebook und Google, die er "frenemies" nennt. 

Zu Fake News betonte Jarvis, dass es wichtig sei, Manipulation zu erkennen, bevor sie sich verbreite. Manipulatoren könnten die öffentliche Agenda bestimmen - wenn ihre Inhalte etwa zu Fox News gelangten und sich CNN genötigt sehe, ebenfalls darüber zu berichten. Aber "wer entscheidet, was Missinformation ist?", warf Diekmann ein. Mit Hinblick auf kulturelle Unterschiede sei diese Entscheidung schwer. Auch Briese meinte: "Wir als Plattform können nicht entscheiden, was richtig und falsch ist". YouTube behelfe sich damit, Journalisten zu befragen, ob Inhalte wahr seien. In Breaking-News-Situationen kämen in einigen Ländern "trusted partners" auf die Startseite.

Deprimierende Zeiten?
"Unsere Zeit als Gatekeeper ist vorbei", resümierte Diekmann. Jeder könne heute ohne Zeitung oder TV-Station Millionen von Menschen erreichen und nannte Trump und Taylor Swift als Beispiele. "Deprimierend", fand das Moderatorin Bernhard. Wrabetz versuchte mit Statistik abzumildern - der ORF erreiche mit seinen Plattformen immer noch 90 Prozent der Österreicher und 80 Prozent der Jungen. Das Projekt "faktoderfake.at" habe jedenfalls gezeigt, dass es nicht viele Fakes gibt, diese würden sich aber sehr stark verbreiten. "Wir brauchen Transparenz und die Möglichkeit, unsere Benutzer zu informieren", schloss der ORF-Generaldirektor.

Man könnte sagen: Anpassung ist gefragt. Darwin wäre bestimmt einverstanden gewesen.

[]

Kommentare

0 Postings

Keine Kommentare gefunden!

Diskutieren Sie mit

Neuen Kommentar schreiben

* Pflichtfelder
Netiquette auf HORIZONT online