Vorsicht, Manipulation!

Diese Woche geht´s bei Walter`s Weekly um eine neue Form von Gedankenkontrolle und um E-Mail-Missbraucher

Eine neue Form von Gedankenkontrolle

Ein gravierender Nachteil des Datenraumes ist, dass evolutionär geschärfte Instinkte uns hier nicht weiterhelfen. Also brauchen wir entweder zusätzliche Technik als Navigationshilfe oder wertende Urteile anderer Menschen; beide öffnen das Tor für Missbrauch. Da macht mittlerweile auch das Marketing mit, etwa in Form von gefälschten Produktbesprechungen. Wie die Londoner „Times“ aufgedeckt hat, lassen sich sogar (kurzfristige) Kategorie-Bestseller im Amazon-Ranking erschwindeln.

Denselben Mechanismus konnte die Zeitung bei Apps nachweisen: Ein positiver Produkterfahrungsbericht von ‚Berühmtheiten’ kann billigst am Schwarzmarkt erworben werden. Die Firma Social Marketeers auf der philippinischen Insel Cebu offeriert ungeniert gefälschte Apps-Besprechungen. Sie prahlen sogar mit der Zahl ihrer platzierten Lügen. Braucht eine Weile, bis Apple-Anwälte ihnen dort eine Unterlassungsanordnung zustellen können.

Es sind nicht bloß Trolle, hemmungslose Selbstdarsteller und Flaschen, die lügen – Geschäfte und Interessensgruppen (inklusive professioneller Gutmenschen in internationale Hilfsorganisationen) erfinden Wirklichkeit. Rezipienten von Nachrichten und Werbung im Datenraum müssen damit rechnen, angelogen zu werden.

Das alles klingt nebensächlich und harmlos. Der Psychologe Philip Zimbardo weist aber in seinem Buch „Der Luzifer Effekt“ zurecht drauf hin, dass Gedankenkontrolle nicht unbedingt Hypnose oder Drogen braucht; es genügt, an alltäglichen Aspekten der menschlichen Natur systematisch zu feilen. Beispiel: Wenn Bildung durch Googeln ersetzt wird, besteht die Weltsicht aus den ausgeworfenen Top-Ergebnissen. Was spielend leicht von Programmierern beeinflusst werden kann.

Der Psychologe Robert Epstein testete das mit einer gestellten politischen Kandidatur. Beinahe die Hälfte(!) der Versuchskarnickel ließ sich durch manipulierte Suchmaschinen-Rankings in ihrer Meinung beeinflussen. Bei einer echten Wahl (indischer Ministerpräsident) zeigte derselbe Test, dass sich ein Fünftel der Unentschiedenen durch eine Abänderung der Suchergebnisse beeindrucken ließ.

In George Orwells „Roman „1984“ werden Bürger manipuliert, indem man ihren Verständnisspielraum einschränkt. Das geschieht über eine neue Sprache, Newspeak, in der lästige Worte wie ‚Freiheit’ nicht mehr vorkommen; dafür gibt es neue Begriffe wie ‚Gedankenverbrechen’.

Passiert nicht Ähnliches in Sozialnetzwerken? Fortlaufend werden neue Opfergruppen ausgemacht, neue Verstöße erfunden, traditionelle Anschauungen verdammt... Benutzen nicht die politisch Korrekten die neuen Medien exakt so, wie Orwell es für den totalitären Staat vorhergesagt hatte?

In New York haben durchgeknallte Feministen versucht, sogar den ‚männlichen Blick’ zu verurteilen. Ohne Twitter & Co. könnten dermaßen Derangierte bloß in Hinterzimmern wüten – jetzt stehen den Narren globale Kommunikationswege offen, jeden zu verdammen, der ihren wüsten Weltanschauungen widerspricht; das würden sie von Angesicht zu Angesicht niemals wagen.

Die Tiefe des Problems wird offenbart, wenn wir uns an die Einsicht des deutschen Philosophen Herder erinnern, dem zufolge unsere Werte und Weltanschauung maßgeblich durch die Sprache, in der wir aufwachsen, geprägt sind. Also könnten wir mutmaßen, dass bevorzugter intellektueller Austausch via Twitter-Gestammel zu einem eingeschränkten Horizont führt (es fehlt das Vokabular, die Welt umfassender zu verstehen).

Kann zwischenmenschliche Kommunikation, die auf den Echoraum reduziert ist, auch psychologische Probleme hervorrufen? Anscheinend ja. Ein neues Phänomen: Cyber-Selbstverletzung – junge Menschen fügen sich selbst Verletzungen zu und posten dann Bilder davon. Aufmerksamkeit um jeden Preis?

Es gibt den Vorwurf, dass digitale Kommunikationsgeräte oder Sozialnetzwerke bzw. Websites so designt werden können, dass sie süchtig machen. Klar ist auf alle Fälle, dass raffiniert gemachte Computerprogramme (genannt Roboter, kurz „Bots“), die selbständig mit Menschen kommunizieren bzw. in ihrem Auftrag im Datenraum agieren können, Einfluss auf uns haben.

Das ganze Internet ist voll von diesen Programmen. Jeder kann sie hinausjagen. Je mehr wir diese Dinger als Digitalprothesen benutzen, umso abhängiger werden wir im ortlosen Raum von ihrer Unterstützung. Ohne zu wissen, wie diese Assistenten entworfen sind (könnten uns bestimmte Werte subkutan vermitteln, ohne dass wir der Beeinflussung je gewahr werden). Es gibt keine Barriere, die verhindert, Bots mit Fehlinformationen oder Propaganda zu speisen. Die einzigen Aufpasser sind kommerzielle Plattformen wie Facebook oder Twitter. Je autonomer die Digitalknechte, umso vorsichtiger müsste man mit ihnen umgehen.

Fazit: Angeblich will China bis 2020 alle Daten über ihre Einwohner zentralisieren und den Bürokraten zugänglich machen. Je mehr Digitalspuren die Bürger hinterlassen, umso vollständiger das Bild. Auf Knopfdruck abrufbar. Wer würde sich da nicht beobachtet und beurteilt fühlen?

Technik an sich mag wertfrei sein, nicht aber deren Besitz und Anwendung.

Quellen:

https://video.muhlenberg.edu/media/Robert+Epstein+Lecture,+%22The+New+Mind+Control%22/1_u3w71wov/23101781 (das Buch mit dem Titel “The New Mind Control” von Robert Epstein ist in Vorbereitung)

http://www.newphilosopher.com/articles/scuba-diving-in-the-infosphere/

https://aeon.co/essays/if-the-internet-is-addictive-why-don-t-we-regulate-it

http://motherboard.vice.com/en_uk/read/how-to-think-about-bots

http://www.telegraph.co.uk/technology/2016/02/19/why-teenagers-are-self-trolling-on-websites-like-reddit/

“The Persuaders”, von James Garvey, Icon Books, Februar 2016

Wer ist der größte E-Mail-Missbraucher?

Die App Unroll.Me produziert jährlich eine Liste der schlimmsten E-Mail-Versender. Ganz oben die Marketingplattform Groupon, die an Nutzer im Schnitt irre 388 Nachrichten verschickten. Unter den Top 10 der Missbraucher finden sich auch Facebook (immerhin noch 310 Emails pro Durchschnittsnutzer), Twitter sowie die amerikanische Shopping-Website Gilt.

In dem Bericht sind auch jene Adressen erwähnt, von denen sich die meisten User abmelden: wiederum Twitter, Ticketmaster, Goodreads, Foursquare und besonders von der Empfehlungsmaschine StumbleUpon (43 Prozent Abmeldungsanfragen!).

Wenn man davon ausgeht, dass eine unerwünschte E-Mail im Schnitt den Adressaten 1 Minute Zeit kostet, dann hat Unroll.Me den Spam-Geplagten dieser Welt geholfen, 82 Millionen Stunden Lebenszeit einzusparen. So gigantisch ist der Missbrauch.

2015 war übrigens das erste Mal in zehn Jahren, dass die Spamflut zurückging.

Quelle:

http://www.telegraph.co.uk/technology/2016/02/18/these-15-companies-sent-you-the-most-spam-emails-last-year/

https://unroll.me/

Weitere Beiträge von Walter`s Weekly gibt es hier

[Walter Braun]

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