Vertikal: Das neue Horizontale

Leitartikel von Marlene Auer, Chefredakteurin.

Bitte drehen! Die vertikalen Filme und Spots sind auf dem Vormarsch. Befeuert von mobilen Endgeräten und Streamingplattformen befassen sich immer mehr nationale, vor allem aber internationale Filmemacher mit dem Format. Bisher wurden Hochformatclips im Netz oftmals verspottet, doch es ist an der Zeit, die vertikalen Filmchen ernst zu nehmen.

Eine Erhebung aus dem Silicon Valley zeigt den Anstieg. Laut Internet Trend Report der Risikokapitalgesellschaft Kleiner Perkins Caufield & Byers hat die Nutzung des neuen Formats signifikant zugelegt, weil auch immer mehr Bildschirme hochkant ausgerichtet sind. 2010 waren noch fünf Prozent der Screens vertikal, 2015 war es fast ein Drittel. Es ist anzunehmen, dass die Zahl seither weiter gestiegen ist.Die Gründe sind logisch: Apps wie Snapchat, Facebook und Co setzen auf das Hochformat. Auch Regisseure arbeiten an vertikalen Filmen.

Die Webpräsenz bevorzugt die Verschlankung der Perspektive – kunsthistorisch gesehen entspricht das der Ablöse der klassischen Renaissance durch das Zeitalter des Manierismus, der Selbstdemonstration. In Österreich und Deutschland treibt der Künstler Friedrich Liechtenstein das Thema voran und hat mit Tele 5 mit vertikalem Fernsehen experimentiert. Die Filmszenen wurden hochkant gezeigt – das gekippte Bild komme dem Liegen auf der Couch entgegen, bei dem ja der Kopf geneigt wird.

Für die Werbewirtschaft ergibt sich mit der Akzeptanz des alten neuen Formats bei Bewegtbildwerbung eine Reihe von Möglichkeiten – und auch Herausforderungen. Werbespots müssen andere Frames haben, dafür aber können die Bereiche am oberen und unteren Rand für Werbebotschaften genutzt werden. Diese waren im Querformat nicht möglich oder mussten den Spot überlagern. Darüber hinaus gibt es auch für TV neue Einsatzmöglichkeiten: Liveevents wie Skiabfahrten wären ideal für das neue Format. Hierfür benötigt es aber eine horizontale (für lineares TV) und eine vertikale Version (für non-linear).

Ob sich das über die Werbemöglichkeiten im mobilen Bereich refinanzieren kann, ist fraglich.Fest steht aber: Das verhöhnte Format bekommt neuen Aufwind und öffnet der Bewegtbild-Branche in TV und Werbung neue Perspektiven für die Vermarktung. In Zeiten des rasanten digitalen Wandels ist das wertvoller denn je. 

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