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"User-Beteiligung ist die neue Währung"

Yaser Bishr hat Großes mit dem TV-Sender und der neuen App AJ+ vor. In den nächsten Monaten sollen neue digitale Produkte folgen.
© Scot Hampton

Yaser Bishr, Executive Director of Digital beim TV-Sender Al Jazeera, spricht mit HORIZONT über Storytelling, digitale Wege und staatlichen Einfluss auf Inhalte.

Horizont: Sie produzieren News immer mehr mithilfe von Storytelling und Social Communitys. Warum glauben Sie an diese Strategie in Richtung Web-TV?
Yaser bishr: Ich denke, es geht bei Web-TV um das Geschichtenerzählen, die Interaktion mit dem Publikum ist nur ein Teil davon. Wenn der digitale Kanal AJ+ Nachrichten zeigt und die Zuseher um mehr Hintergrundinformation zu einer Story bitten, geben wir sie ihnen einfach. Dadurch interagieren sie mit uns und der Story. Das macht unseren Erfolg aus. Wir glauben nicht nur an Page Visits und Views – wir vertrauen auf die User-Beteiligung – das ist die neue Währung da draußen. 

AJ+ ist Ihre Neugründung und zählt Millionen User. Welches Ziel haben Sie sich für die App gesetzt und in welche Richtung soll sie sich weiterentwickeln? 
Die digitale Userbeteiligung ist der wichtigste Parameter für uns. Wir haben einen der höchsten Werte bei Userinteraktionen auf unserem Facebook-Profil im Vergleich zur Konkurrenz. Deshalb werden wir auch die Sprachen, in denen die App verfügbar ist, weiter ausbauen. Außerdem arbeiten wir derzeit an neuen Marken, um die verschiedenen Interessen unserer Zielgruppen noch besser abzudecken. Im Frühjahr 2017 werden wir die ersten neuen Produkte vorstellen, unter anderem ein eigenes Web-Radio und weitere Plattformen. 

Die App ist unterteilt in „Cards“, diese bilden „Stacks“, die eine undefinierte Zahl an Cards beinhalten können. Wieso dieser Aufbau und wie wird monetarisiert?
Wir monetarisieren durch unsere Facebook- und YouTube-Channels. Aber um auf die Frage zurückzukommen, wir planen ein komplettes Redesign der App in den kommenden Monaten. Wie das genau aussehen wird, kann ich noch nicht sagen.

Vor einigen Monaten haben Sie AJ+ für den arabischen Raum gelauncht. Ihr erstes Fazit nach den ersten Monaten?
Wir sind sehr erfolgreich mit der App. Deshalb überlegen wir auch eine Version in französischer Sprache. 

Wo liegen die Unterschiede in der Nutzung im arabischen und im englischsprachigen Raum, sowohl von der User- als auch von der Monetarisierungsseite her gesehen?
Bei Al Jazeera und mit AJ+ ist die Monetarisierungsfrage nicht getrieben von der Monetarisierung per se, sondern von Userbeteiligung. Wenn die junge Generation Interesse am Weltgeschehen zeigt, liegt die wahre Bezahlung für uns in deren Beteiligung an unseren News. 

Ist es für Al Jazeera nicht auch eine Überlebensfrage, besonders auf Web-TV zu fokussieren, weil die Inhalte über die konventionellen TV-Distributionen gewisse Gebiete gar nicht erreichen?
Ich denke nicht, dass es eine Überlebensfrage ist. Im Nahen Osten sind die Zuseher, die TV konsumieren in ihren frühen 50-ern, in den USA sind sie in ihren 60-ern. Alles in allem ist der Fox-News-Zuseher im Durchschnitt 68 und der CNN-Zuseher 61 Jahre alt. Deshalb müssen wir im Nahen Osten verhältnismäßig mehr in TV investieren. Andererseits gibt es die Millennials, die circa 60 Prozent der Bevölkerung ausmachen, sodass ein weiterer Forkus bei Digital liegt. Ich persönlich konsumiere meine News zu 100 Prozent aus digitalen Quellen. 

Muss man Ihrer Meinung nach eine Kooperation mit Facebook und Google eingehen, damit die Inhalte bestmöglich verbreitet werden?
Speziell in den USA wandeln sich die Märkte rasch. Alle sagen, dass Facebook und Google vergleichbar sind mit Verizon in den USA. Wir sehen Facebook und Google als Informationsträger. Während die Zielgruppe früher auf unserer Webseite nach Information suchte, klicken sie heute unsere Facebook-, Google- und Twitter-Konten an. Wichtig dabei ist es zu wissen, wenn Facebook den Algorithmus ändert, die Zielgruppe einen veränderten Inhalt sieht, sprich: Facebook bestimmt, welche Inhalte das Publikum sieht. Deshalb ist es für Al Jazeera wichtig, eine formelle Beziehung zu Google und Facebook zu haben. Um das allerdings zu erreichen, müssen wir zuerst verstehen, wie die Algorithmen hinter den Nachrichten funktionieren. 

Welchen Einfluss haben die Eigentümer auf die redaktionelle Linie von Al Jazeera?
Gegenfrage: Welchen Einfluss übt die britische Regierung auf BBC aus? Wenn Sie sich die zahlreichen Awards für unsere Berichterstattung ansehen, wissen Sie, dass die journalistische Qualität bei AJ sehr hoch ist. Wir sind nicht beeinflusst von irgendjemandem außerhalb des Newsrooms. Im Nahen Osten wäre es oft nicht erlaubt, gewisse Nachrichten an die Öffentlichkeit zu bringen, wir tun es trotzdem. Resultat ist, dass einige Mitarbeiter in Ägypten auf die Todesstrafe warten oder für lange Zeit ins Gefängnis kommen. Trotz allem, wir gehen mit den News raus, wenn wir müssen. 

Sie möchten AJ zu einem internationalen Sender machen, doch die Netzbetreiber mancher Länder, wie etwa den USA, weigern sich, AJ als TV-Sender einzuspeisen. Wie wollen Sie diesen Spagat meistern? 
Al Jazeera beherbergt mehr als 13 Sender und Onlineplattformen in der Türkei, im Nahen Osten und den USA. Außerdem haben wir einen englischsprachigen TV-Kanal, der über 250 Millionen Haushalte weltweit erreicht. Vor einigen Jahren hatten wir mit Al Jazeera America, eine direkte Niederlassung in den USA. Wir haben AJ America deshalb geschlossen, weil wir mit dem Geschäftsmodell nicht weitergekommen sind – wir haben uns dazu entschlossen, uns auf die digitale Schiene zu konzentrieren. Heute noch arbeiten wir von den USA aus. Inhalte für AJ+ in Englisch stammen aus San Francisco und auch AJ English ist von den USA aus zugänglich. Wir haben 200 Mitarbeiter die aus den USA für uns arbeiten – wir sind also auch dort präsent. 

Zuletzt wurde bei AJ Personal abgebaut und das Korrespondentennetzwerk verkleinert. Welche Reaktionen haben Sie darauf erhalten und was sagen Sie zu den Vorwürfen, dies hätte mit der strikteren Politik zu tun? 
Das ist die Realität in der Medienwelt, es ist nichts Ungewöhnliches, das Personal zu verkleinern. Wenn man sich CNN ansieht, oder auch den ­Guardian, oder BBC – sie alle restrukturieren und investieren in Digital. Das machen wir jetzt auch. 

Nach welchen Kriterien wird entschieden, welche Nachrichten AJ aussendet? 
Wir legen den Fokus auf „hardcore news“. Es gibt zwei Kriterien, wonach wir entscheiden, welche Nachrichten AJ sendet. Erstens entscheidet der Chefredakteur der Sendung, welche News relevant für unsere Zuseher sind. Zweitens sehen wir durch die Zugriffszahlen online, was relevant für die Community ist. Ein Beispiel: Wenn wir merken, dass die Community über die aktuellen Gesundheitsprobleme von Hillary Clinton diskutiert, dann suchen wir einen anderen Zugang zu der Story. Sprich: Wir würden recherchieren, welche andere Präsidentschaftskandidaten in der Vergangenheit während eines Wahlkampfes auch Gesundheitsprobleme hatten.

Sie sagten in einem Vortrag bei dem Global Webit Congress 2014, dass „Menschen entscheiden, wie eine Story erzählt werden muss“. Besteht nicht die Gefahr einer „Versubjektivierung“ von News?
Man muss die Balance finden zwischen der Entscheidung des Chefredakteurs, welche News relevant sind oder nicht und den Community-Diskussionen. Schließlich bilden diese Diskussionen die Basis für die wertvolle Userbeteiligung. Man muss die Fragen der Community beantworten und ihnen die Information geben, nach denen sie fragen – aber so, dass man nie die Balance aus den Augen verliert. 

In einem Interview sagten Sie kürzlich Asien und Afrika seien die nächsten Märkte, die Sie erobern möchten. Warum sehen Sie dort so viel Potenzial? 
Das sind die nächsten aufkommenden Märkte. Ich denke, hier gibt es großes Wachstumspotenzial. Bei Al Jazeera sondieren wir derzeit die Möglichkeiten. 

Wie beschreiben Sie den österreichischen TV-Markt?
Ich weiß nicht viel über den österreichischen TV-Markt, aber ich würde gerne mehr darüber lernen. 

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