„Urbane Systeme waren ineffizient“

Vom Supermarkt bis zum öffentlichen Verkehr: Carlo Ratti, Speaker bei der Zukunftskonferenz NextM, über die komplett digitalisierte Stadt von Morgen - und welche Veränderungen das für die Gesellschaft mit sich bringt.

Dieses Interview erschien auch in der HORIZONT-Printausgabe 09/2017 vom 3. März. Hier geht's zum Abo.

HORIZONT: Sie entwickeln den Supermarkt der Zukunft und beschäftigen sich mit dem „Internet der Dinge“, sie wollen Städte besser auf die Bedürfnisse der Bewohner ausrichten. Welche Herausforderungen bringt die Städtedigitalisierung mit sich?

Carlo Ratti: Die Phänomene, die Sie ansprechen sind die Manifestation von einem weiter gefassten technologischen Trend: das Internet dringt in die Lebensbereiche ein, in denen wir uns bewegen und wird so zu dem Internet der Dinge. Es führt die physische und digitale Welt zusammen; und gibt cyber-physischen Systemen eine Chance zu wachsen. Diese Transformation öffnet Türen für eine neue Welt der Anwendungen, wie es auch mit der ersten Welle des Internets passiert ist. Das Resultat: viele Bereiche des urbanen Lebens erfahren eine Transformation - von der Stadtplanung bis zur Beteiligung der Bewohner einer Stadt. In diesem Prozess gibt es viele Herausforderungen: eine der größten ist es, eine dienliche Umgebung zu schaffen - humaner, sozialer und auch regulativer Natur - um zu experimentieren.

Bereits heute leben knapp vier Milliarden Menschen in urbanen Ballungsgebieten, im Jahr 2050 werden es mehr als sechs Milliarden sein. Welchen Beitrag kann Digitalisierung leisten, um Städte zugleich lebenswerter, effizienter und grüner zu gestalten?

Die urbanen Systeme des 20. Jahrhunderts waren sehr ineffizient. Die Digitalisierung kann hier sicherlich einiges auffangen. Denken Sie an Autos: 95 Prozent der Zeit nutzt man sie nicht. Experten gehen davon aus, dass jedes gemeinschaftlich genutzte Auto 10 bis 13 private von der Straße holen kann. Auch die Auswirkung des Carsharings wird exponentiell mit dem Aufkommen der selbstfahrenden Autos steigen. Diese Autos werden einen großen Einfluss auf das urbane Leben haben, weil sie die Grenzen zwischen privaten und öffentlich verfügbaren Transportmitteln verschwimmen lassen. „Ihr“ Auto kann Sie morgens zur Arbeit fahren und untertags - anstatt geparkt zu werden - kann es von Ihrer Familie genutzt werden. Das aber impliziert eine Stadt, in der jeder nach Belieben reisen könnte; mit nur einem Bruchteil der Autos, die heute genutzt werden.

Der Supermarkt der Zukunft soll ein neues Einkaufserlebnis bieten und wird voraussichtlich in drei bis fünf Jahren Alltag sein. Wie wird so ein Supermarkt der Zukunft in der Praxis aussehen?

Ich denke, dass wir in den nächsten Jahren an einen Wendepunkt kommen, wie wir einkaufen. Einerseits werden wir erhöht digitale Services nutzen und automatische Zustellung, um alltägliche Produkte zu kaufen - wie etwa Toilettenpapier. Ich stelle mir so etwas wie ein Amazon-Unlimited-Schema vor, wodurch unser Vorrat an Toilettenpapier konstant aufgefüllt wird. Andererseits, könnten wir ein Aufkeimen eines experimentellen Shoppingerlebnisses sehen. Denken Sie an die Auswahl frischer Produkte: wir werden es immer genießen, in einen Supermarkt zu gehen, wo wir die Produkte riechen und anfassen können. Der Supermarkt wiederum beschert uns ein Erlebnis. Der große Erfolg der Eataly-Kette, mit der unser Büro Carlo Ratti Associati zusammenarbeitet, ist eines der Beispiele weltweit. Dieselbe Denkweise kann man auf den Supermarkt der Zukunft, der bei der World Fair 2015 präsentiert wurde oder derzeit in Mailand zu sehen ist, übertragen.

Amazon lässt Pakete liefern, die an Drohnen befestigt sind, Google und Uber lassen Autos ohne Fahrer durch die Städte fahren. Bis 2035 könnten, so schätzen Experten, bereits 100 Millionen selbstfahrende Autos auf den Straßen unterwegs sein. Wie werden autonome Transportmittel die Mobilität und den urbanen Raum verändern?

Wie ich sagte, selbstfahrende Autos versprechen einen erheblichen Einfluss auf das urbane Leben zu haben, weil sie die Grenzen zwischen privaten und öffentlichen Verkehrsmitteln verschwimmen lassen. Es wird an uns liegen, zu entscheiden, wie wir das neue Potenzial nutzen.

Sie sagen: „Das Internet der Dinge drängt uns langsam in eine Lebensform, in der ein Netzwerk intelligenter Objekte unsere Lebenswelt überwacht und die Daten irgendwohin übermittelt.“ Welche Folgen wird das haben?

Es gibt eine Kurzgeschichte des italienischen Schriftstellers Italo Calvino, mit dem Titel „Die Städte und die Erinnerung“, die weit vor der digitalen Revolution geschrieben wurde. Diese Geschichte zeichnet eine dystopische Gesellschaft, in der jedes Detail von der Menschheit für die Nachwelt festgehalten wird. Wir sollten uns überlegen, wie mit heutigen Datenmengen umgegangen werden soll, ohne dass man in die Paradoxa von Calvino abrutscht. Die Lösungen sind nicht technologischer, sondern politischer Natur - wir sollten alle an der Diskussion teilhaben. Um das Ziel zu erreichen, arbeiten wir am MIT an ethischen und moralischen Aspekten von Big Data. Im Jahr 2013 starteten wir die Initiative „Engaging Data“ gemeinsam mit Politikern, Datenschutzexperten und Unternehmen. Dieser Diskurs ist wichtig, weil die Gesellschaft von morgen von den heute getroffenen Entscheidungen abhängt.

ÜBER DIE NEXTM

Die Zukunftskonferenz NextM will einen Ausblick in die großen Ideen der Welt von Übermorgen geben, in der Mensch und Maschine immer stärker verschmelzen und interagieren. Sie erlaubt einen Blick in die zukünftige Hypervernetzung von digitaler und analoger Welt. Sieben international anerkannte Ideenführer aus Wissenschaft, Forschung und Praxis geben Einblicke in die neuesten Erkenntnisse aus der Zukunftsforschung. Es geht um Künstliche Intelligenz, Robotik, Digital Manufacturing, Big Data und das Internet der Dinge. Der Initiator GroupM will für neues Denken begeistern, Austausch entfachen und Exposition gegenüber Konzepten, ursprünglichem Denken und unerwarteten Veränderungsagenden liefern. NextM findet am 23. März 2017 in der Aula der Wissenschaften in Wien statt.

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