TV-Print-Total: Der Aufschwung der Fernsehzeitschriften

Lineares Fernsehen boomt – das bringt offenbar auch der Printbranche Schwung. Denn TV-Zeitschriften bedienen ein Millionenpublikum, legen teils sogar weiter zu. Eine Analyse.

223 Minuten Bewegtbild konsumieren Österreicher im Schnitt pro Tag, also fast vier Stunden. 83 Prozent davon entfallen auf lineares Fernsehen. Wie jede andere zeitintensive Freizeitaktivität auch, will die kostbare Zeit gut geplant sein - und das ist gar nicht so einfach. Die Basispakete der meisten Kabelanbieter umfassen locker 50 Kanäle, dazu kommen oft zusätzliche Pay-TV-Programme, via Satellit lässt sich das Portfolio auf hunderte Sender aufstocken. Zappen schafft bei der gebotenen Programmvielfalt nur unzureichenden Überblick. Und wer weiß schon auf Anhieb, wann welche Wiederholung welcher Staffel seiner Lieblingsserie auf welchem Programm läuft?

Licht in den dichten Kanaldschungel bringen etwa die TV-Programme der Tageszeitungen. Sie sind kompakt gestaltet, bieten aber nur eine Minimalversion der Programme und Kanäle. Spezielle Programmzeitschriften bieten den Komplettüberblick. Wie der gesamte Printsektor kämpfen zwar auch sie um Leser und Reichweiten, bespielen den Markt jedoch weiterhin mit enorm hohen Druckauflagen. Bei den Gratismagazinen in Österreich liegt Tele in Front, bei den Kaufzeitschriften TV-Media. Das Supplement Tele liegt 13 Tages- und Wochenzeitungen bei, mit einer Druckauflage von 1.092.108 Millionen Exemplaren (ÖAK 2015/16) und einer nationalen Reichweite von 20,1 Prozent beziehungsweise 1,45 Millionen Lesern. TV-Media konnte nach Rückgängen in den letzten Jahren zuletzt erstmals wieder zulegen und erreicht 10,6 Prozent Reichweite, was 780.000 Lesern entspricht – ein Plus von 0,4 Prozent (MA 2015/16).

Digital hinkt Print hinterher

Die digitalen Angebote hinken den Printreichweiten hinterher. tele.at erreicht laut aktueller ÖWA Plus 260.000 Unique User. TV-Media verbucht mit 240.000 knapp weniger. Auch die EPGs, die elektronischen Programm Guides auf den TV-Geräten, bieten nur Basisinfos, die Möglichkeiten der grafischen Darstellung sind beschränkt. Bernd Nieberding, Geschäftsführer von Europas führendem Programm-Publisher PPS im Interview auf den Punkt bringt: „Es wird halbherzig investiert und die digitalen Lösungen unterhalten nicht“. Entsprechende Smartphone-Applikationen auf diesem Sektor taugen als schnelle Informationsquelle, eine vollwertige Programmübersicht ist alleine durch die Bildschirmgröße schwierig. „Es macht schon noch einen Unterschied, ob man auf einem kleinen Bildschirm hin- und herwischt oder ob man sich auf einer gedruckten Doppelseite schnell und einfach einen Überblick verschafft“, ist auch TV-Media-Chefredakteur Hadubrand Schreibershofen überzeugt. Immerhin: Marktbegleiter tele verbucht nach eigenen Angaben bereits 550.000 Downloads seiner App.

Der Erfolg der großen TV-Kaufmagazine, etwa TV 14, TV-Movie und TV-Spielfilm in Deutschland oder eben TV-Media in Österreich, beruht auf einem Mix aus Information, Entertainment und Service. TV-Movie bietet beispielsweise eine eigene Programmübersicht für Nachschwärmer, TV-Media ein tägliches Best-of und einen Serien-Guide. Ein Mix jedenfalls, der beim Konsumenten ankommt. So nennen zwei Drittel aller Deutschen Programmzeitschriften als beliebteste Zeitschriftenart, nur aktuelle Nachrichtenmagazine sind mit knapp 78 Prozent Zuspruch beliebter. Die Themen Motor, Frauen, Wohnen aber auch Sport, verpackt in Magazine, rangieren in der Beliebtheit weit dahinter.

Gedruckte Orientierungshilfe

Aufwändige Storys rund um Film und Stars, ein ausgefeilter Programmteil und zusätzliche Service-Elemente wie beispielsweise Kino- und Buchtips, DVD, Games- und Movie-Charts, Rätsel und Sudokus bilden den Grundbestandteil von Programmzeitschriften. Die Hauptrolle spielen aber natürlich die ausgeklügelten Programmteile: TV-Movie bildet das tägliche Programm auf fünf, TV-Media sogar auf sieben Doppelseiten ab. „Bei uns erhält man eben nicht nur das reine Listing: Pro Ausgabe schreibt unsere Redaktion 46 Seiten Tipps mit Schwerpunkt Spielfilm zum Tagesprogramm. Bei der Fülle an Sendern, die wir alle empfangen können, ist diese Orientierungshilfe im täglichen Kampf mit dem Fernseher offensichtlich vielen Menschen etwas wert“, meint Chefredakteur Schreibershofen zum anhaltenden Erfolg von TV-Media und verweist zudem auf den klassischen Magazinjournalismus im Heft: „Wir klammern weder kritische Stimmen unserer Interviewpartner aus noch legen wir uns selbst einen Maulkorb um. Wenn wir etwas gut finden, schreiben wir es. Wenn wir etwas nicht gut finden, schreiben wir es auch. Aber wir bashen und kampanisieren nicht“, so Schreibershofen.

In Deutschland buhlen im Unterschied zu Österreich weitaus mehr TV-Magazine um die Gunst der Fernsehzuseher und Leser. Hörzu, TV-Digital, TV-Movie, TV-Spielfilm, TV Hören und Sehen und TV 14 heißen die wichtigsten, die mit Reichweiten zwischen fünf und fast zehn Prozent (TV 14) ausgestattet sind. Ein Grund hierfür dürfte die penible Programmplanung der deutschsprachigen Sender sein, die mit 95-prozentiger Sicherheit wissen, was sie in den nächsten sechs bis acht Wochen ausstrahlen. Gute Voraussetzungen für die Produktion von TV-Zeitschriften, deren wichtigstes Kriterium ja ein korrektes, möglichst fehlerfreies TV-Programm ist.

Big Data in Print

Die Produktion der arbeits- und datenintensiven Programmübersichten der meisten Zeitungen und Magazine – von Bild bis FAZ, von TV-Movie bis TV-Media – findet dabei allerdings nicht mehr in den eigenen Verlagen statt. Die Produktion des eigentlichen TV-Programms, der Listings, ist eine Kunst für sich. Dazu müssen eine Unmenge an Zahlen, Fakten und Bildern eingeholt, formatiert, aufbereitet und kontrolliert werden. Praktisch jeder größere Verlag greift hier auf die Dienste externer Zulieferer zurück. Denn mit der Manpower und Kostenstruktur in den einzelnen Redaktionen sind die Big-Data-Mengen nicht mehr zu bewältigen.

[Marko Locatin]

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