„Riechen, nicht trinken“ - Was Umfragen mit Parfum zu tun haben

Der erste IAA Business Communication Lunch nach dem Sommer stand ganz im Zeichen der kommenden Nationalratswahlen.

13 der 16 Parteien haben einen Bundeswahlvorschlag eingereicht, damit stehen 2047 Kandidaten am Stimmzettel, so viele wie noch nie. Für Parteien, Meinungsforscher und Wähler ist das eine völlig neue Herausforderung. So stellten sich im Rahmen des IAA Business Communication Lunch Heidi Glück (Heidi Glück spirit & support), Rudolf Bretschneider (Konsulent GfK Austria) und Peter Hajek (GF Peter Hajek Public Opinion Strategies) der Diskussion, ob und in welchem Ausmaß Meinungsforschung Einfluss auf die strategische Ausrichtung der Parteien und auf die Wahlentscheidung nimmt. Durch die Diskussion führte IAA- Vorstandsmitglied Roswitha Hasslinger.

Heidi Glück sieht die Meinungsforschung als eines von mehreren Wahlkampftools. Sie dient vor allem dazu, Themenprioritäten herauszufiltern und die Kommunikation nach herrschenden Stimmungen auszurichten. Meinungsforschung sei politische Marktforschung, die zwar eine gute Grundlage liefert, aber keine politische Strategie ersetzen kann. Dieser Meinung schloss sich Rudolf Bretschneider an, hielt jedoch fest, dass politische Parteien eher dazu neigen, ihre Daten bekanntzugeben, wohingegen diese Praxis bei Unternehmen unüblich ist. Gut beratene Politik sollte sich an aufkommenden Themen orientieren, um diese dann entsprechend aufgreifen und adaptieren zu können.

Für Peter Hajek sind Umfragen wie ein Parfum, an dem man riechen kann, das man aber nicht trinken sollte. Gewisse Größenordnungen könnten gemessen und daraus hilfreiche Schlüsse für die weitere Vorgehensweise gezogen werden. Gerne würden Meinungsforschungsergebnisse von Politikern angehört, entschieden würde aber dann doch nach Bauchgefühl. Erschwerend käme hinzu, dass bei politischen Parteien neben den Kandidaten auch Funktionäre, Berater, Werber und viele mehr bei der Entscheidungsfindung mitreden.

Welchen Einfluss hat nun die Meinungsforschung auf die Wahlentscheidung? Peter Hajek sieht es eher als Problem, dass der erhaltene Informationsvorsprung durch eine zu frühe Veröffentlichung zunichte gemacht werden könnte. Für Rudolf Bretschneider ist es die Entschlossenheit in der Politik, die zum Erfolg führt, denn die Entscheidung, wer gewählt wird, fällt immer später: 8 – 10 % der Wähler treffen diese erst in der letzten Woche.

Umfragen haben in den letzten Jahren stark zugenommen und können aufgrund ihrer Menge und der derzeit herrschenden medialen Kultur Effekte auslösen. Kandidaten, denen weniger Chancen eingeräumt werden, verlieren ihre Stimme an die aussichtsreichere Konkurrenz. Heidi Glück sieht das ähnlich, umgekehrt gilt aber auch, dass die Spitzenkandidaten Angst davor haben, in den Umfragen weit vorne zu liegen, denn dann wird die Mobilisierung am Wahltag schwierig.

Einig ist man sich auch darin, dass Messungen meistens richtig sind, aber oft falsch interpretiert werden, daher sollten Medien als „Übersetzer der Zahlen“ hinsichtlich der Interpretation entsprechend gebrieft werden. Exaktes Arbeiten, die Weitergabe von Rohdaten und nicht Hochrechnungen, sieht Peter Hajek als weiteres probates Mittel, um noch mehr Transparenz in die Meinungsforschung zu bringen.

[Red.]

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