Journalismus in Echtzeit

Facebook Live bringt eine neue Form der digitalen Berichterstattung und Userinteraktion. Dieses Potenzial versuchen immer mehr Medienhäuser zu nutzen.

Ein Park vor der Wiener Stadthalle, Juni 2016: Rund 250 Demonstranten sind gekommen. Junge, weiße Männer. Sie tragen gelb-schwarze Fahnen. „Heimat, Freiheit, Tradition. Multikulti Endstation“, rufen sie. Das quadratische Bild der Handykamera wackelt ein bisschen, als die Besitzerin das Telefon auf die Menge schwenkt. An den Demonstranten vorbei auf eine Reihe Polizisten in Uniform. Zwischendurch Asphaltboden. „Wahrscheinlich geht es da dann mit dem Auto weiter und dann links“, sagt sie.

Kamera auf Selfiemodus: Die blonde Mittzwanzigerin mit dem Nasenpiercing ist Hanna Herbst, stellvertretende Chefredakteurin von Vice Österreich. Mit ihrem Handy berichtet sie vom Marsch der Identitären. Im Gepäck hat Herbst rund 60.000 Vice-User. Via Facebook sind sie live dabei: beobachten, kommentieren, interagieren in Echtzeit. „Eine absolute Schande diese Identitäteren!“, schreibt jemand.

„Ich weiß ned, ob ich lachen oder weinen soll“, ein anderer. Nicht nur Vice nutzt heute Facebook Live. Seit das Soziale Netzwerk vor rund drei Jahren das automatische Abspielen von Videos eingeführt hat, füllen sich die Timelines der Nutzer mit immer mehr Videos. Und immer öfter sind die Videos live. Vom B-Promi beim Kuchenbacken bis zur Kriegsberichterstattung in Echtzeit ist alles dabei.

Für Facebook sind die Videos Teil der eigenen Unternehmensstrategie: Live und automatisch abgespielte Videos lassen sich für Marketingzwecke nutzen. Das bringt Geld: Um 55,8 Prozent ist Facebooks Umsatz vom zweiten auf das dritte Quartal 2016 gestiegen und liegt nun bei über sieben Milliarden Dollar. Alleine zwischen Mai und Oktober hat sich die Zahl konsumierter Videos laut Angaben von Facebook vervierfacht. „Video ist der neue Composer“, sagt Mark Zuckerberg. „Composer“ nennt Facebook das Textfeld für ­Statusmeldungen.

Verstärkte Nähe

Doch nicht nur Facebook und seine Werbepartner profitieren vom Livetrend. Auch internationale Medienhäuser wie die New York Times oder CNN experimentieren mit dem Format in der Hoffnung, ihr Publikum damit enger zu binden. Berechtigt? Ja, findet Journalismus-Professor Jeff Jarvis, der das Livevideo als Chance sieht, mit dem Publikum in Kontakt zu treten.

In einem Kommentar lobte er den Hautnah-Ansatz von Vice: „Statt vom Geschehen eine Meile weit wegzustehen und darüber zu erzählen, ist es besser, uns mit ins Gewühl zu nehmen.“ In der Vice-Redaktion selbst sieht man die Sache ähnlich: „Der direkte Zugang zum Publikum ist uns wichtig“, sagt David Bogner, Head of Content für Österreich und die Schweiz.

Abseits des eingangs beschriebenen Demonstrationsvideos nutze man den Livestream gerne für Veranstaltungen und Diskussionsformate. Bogner schätzt den unmittelbaren, direkten Zugang zu den Usern. Social Media generell und Livestreams im Speziellen seien „Teil unserer redaktionellen Strategie“.Auch etablierte Nachrichtenanbieter versuchen sich hierzulande an dem neuen Medium. „Wir sind momentan am Experimentieren und Ausprobieren, wir schauen, was geht und was nicht“, sagt Digitalchefredakteur Manuel Reinartz von Die Presse.

2017 wolle man das digitale Angebot „in allen Bereichen intensivieren“. Facebook sei ein „Traffic-Hebel“: Jeder vierte bis fünfte Onlineleser käme über Facebook auf die Presse-Website. So sei es nahe gelegen, den Übergang des WirtschaftsBlatt-Accounts zur Presse-Economist-Facebook-Seite mit einem Livevideo zu begleiten. Mit dem Ergebnis ist Reinartz zufrieden: „Mit Evelin Past und Ann ­Kathrin Hermes haben wir Leute im Team, die dieses Thema wirklich in die Hand nehmen.“

Klare inhaltliche Anforderungen

Was gilt es beim Journalismus via Livevideo zu beachten? Martin ­Wolfram, Geschäftsführer der Videoagentur News on Video, rät, keinesfalls inszeniert zu wirken. Das bedeute jedoch nicht, auf professionelle Vorbereitung und Konzept zu verzichten. „Wichtig ist es, als Presenter selbst im Bild zu sein“, sagt Wolfram. Also sich als Reporter anfangs kurz vorstellen, auch mal das Gesicht zur Stimme zeigen, erklären, wo man sich gerade befindet und warum.

Im Verlauf des Videos sei redundante Information erlaubt: Eine kurze Zusammenfassung hin und wieder gibt neu hinzukommenden Zusehern Orientierung. „Der Einstieg ist am besten eine Situation oder ein Sager.“ Als gängiges Problemfeld hat Wolfram den Ton identifiziert. Oft seien Hintergrundgeräusche zu laut, übertönten den Sprecher. Wolfram empfiehlt, in Equipment wie spezielle Mikrofonvorsätze zu investieren. Ist der Liveauftritt geschafft, folgt die Nachbereitung. „Das gewonnene Material nutzen“, rät Wolfram.

So wird etwa das einstündige Livevideo einer Veranstaltung als geschnittener Kurzbericht wiederverwendet.Welches Potenzial Facebook Live traditionellen Medienunternehmen tatsächlich bietet, ist heute schwer abzusehen. Das Interesse an innovativen Videoformaten ist klar gegeben. Seitens Facebook hat man außerdem angekündigt, bald die Monetarisierung von Videos zu ermöglichen, etwa in Form von Bezahlschranken für Konzertübertragungen.

Geht es nach Jeff Jarvis, befindet sich der Sektor im Umbruch: „Wir hören immer Video sei die Zukunft. Was ist die Zukunft von Video? Ich weiß es noch nicht. Alles was ich weiß, ist, dass es nicht TV-Nachrichten sind“.

[Andrea Vyslozil]

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