Gründerinnen gesucht

1 von 10 Start-ups in Österreich wird von einer Frau gegründet. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Auf den zahlreichen Wiener Start-up-Events offenbart sich großteils das gleiche Bild: Männliche ­Experten halten Impulsvorträge zu ihren Fachbereichen, anschließend gibt es meist eine männlich dominierte Podiumsdiskussion, gefolgt von Networking zwischen jungen männlichen Gründern und älteren männlichen Investoren.

Der Eindruck, dass der Frauenanteil in der Szene gering ist, wird auch durch harte Statistiken untermauert: Laut Austrian Startup Report 2013 werden zwölf Prozent der Start-ups von Frauen gegründet, laut European Startup Monitor 2016 sind es gar nur 7,1 Prozent. Bei der Organisation Female Founders Club geht man von rund zehn Prozent aus – offizielle Zahlen gibt es nicht, zumal die Wirtschaftskammer Start-up-Gründungen nicht von gewöhnlichen Unternehmensgründungen unterscheidet; bei letzteren liegt der Anteil bei knapp unter 60 Prozent, allerdings inklusive der selbständigen Pflegerinnen. Die Gründe dafür sind vielfältig.

So liegt es etwa in der Natur von Start-ups, dass deren Gründung mit einem gewissen Risiko verbunden ist. „Und Frauen sind eher risikoavers“, sagt Tanja Sternbauer, Präsidentin und Co-Gründerin von Female Founders. Das Ziel vieler Start-ups ist es, möglichst rasch zu skalieren und so unter großem Risiko das schnelle Geld zu machen. „Frauen denken hingegen nachhaltiger und ihre Unternehmen wachsen daher langsamer“, sagt Sternbauer.

Irene Fialka, CEO des universitären Gründerservice INiTS, beobachtet auch, dass sich Gründerinnen mit dem „Fake it til you make it“-Zugang schwerer tun als ihre männlichen Mitbewerber: Während die Herren bei Pitches gerne mal übertreiben, führen Gründerinnen tendenziell nur jene Punkte an, die sie tatsächlich auch erfüllen.

Strukturelle Probleme

Freilich gibt es Ausnahmen von diesen Stereotypen. Übergreifend steht jedoch, dass die Szene mit diversen strukturellen Problemen kämpft. So sind etwa weibliche Role Models knapp, zu denen Schülerinnen und Studentinnen aufblicken können, um sich inspirieren zu lassen. Sternbauer möchte daher mit starken Partnerinnen Schulbesuche machen, um dort bei der Jugend den Funken zu entzünden.

Selma Prodanovic, Co-Gründerin der Austrian Angel Investors Association (AAIA) und Gründerin von 1millionstartups, sieht auch ein Problem mit der Öffentlichkeit von weiblichen Führungskräften: „Viele heimische und internationale Tech-Konzerne werden von Frauen geführt“, sagt sie. Doch sie werden viel zu selten vor den Vorhang geholt.

Einig sind sich die drei Expertinnen darüber, dass schon in der Kindheit der künftigen Gründerinnen die Weichen gestellt werden müssen – Stichwort: Ausbildung, vor allem in Bezug auf die für die Start-up-Branche wichtigen technischen Fächer. „Mädchen performen in MINT-Fächern oft schlechter“, sagt Fialka: „Auch deshalb, weil sie von ihrem Umfeld weniger Unterstützung bekommen.“

Im Umfeld der Großfamilie herrscht oft noch immer das Bild vor, dass Technik Bubensache sei – und wenn Mädchen Interesse an technischen Themen zeigen, dem wenig Beachtung zugemessen wird.Es gilt also, schon bei Schülerinnen den Funken für die Technik zu entzünden – das Problem dabei ist jedoch, dass die Früchte dieser Arbeit erst spät sichtbar werden: Eine Achtjährige, die sich heute für Technik interessiert, gründet erst zehn Jahre später ihr erstes Start-up, scheitert dabei eventuell, gründet dann erneut und ist dann vielleicht erfolgreich – also erst 15 bis 20 Jahre nach ihrer Volksschulzeit.

Das Thema ist also kein Sprint, sondern ein Marathonlauf. „Wenn aber der Effekt erst später sichtbar ist, stellt der Rechnungshof entsprechende etwaige Förderungen in Frage“, sagt Fialka.Männliches GeldEin Knackpunkt bei Start-ups ist auch die Verfügbarkeit von Wachstumskapital, um den Sprung von der Garage auf das internationale Parkett zu schaffen. Hier zeichnen gleich mehrere Studien ein drastisches Bild. Etwa stellten Wissenschaftler von Harvard, Wharton und dem MIT gemeinsam fest, dass Geldgeber nachweislich eher investieren, wenn der Pitchende jung, männlich und attraktiv ist.

Die Wahrscheinlichkeit eines Investments in weiblich geführte Start-ups ist größer, wenn eine Frau Partner des VC-Fonds ist – doch hier ist der Frauenanteil laut Nachforschungen des „Diana Project“ sogar gesunken: Von zehn Prozent im Jahr 1999 auf nun sechs Prozent. „Das ist eine retrograde Entwicklung“, sagt Fialka – und zieht Parallelen zur wachsenden Gender-Paygap und der geringen Zahl an Frauen in Dax-Aufsichtsräten. Ansatzweise positive Entwicklungen kann hingegen Prodanovic in der heimischen Investorenszene beobachten: „Der Frauenanteil in der AAIA liegt derzeit bei rund zwanzig Prozent“, sagt sie.

Auch positiv anzumerken ist die Gründung von investorinnen.com – ein Netzwerk aus österreichischen Expertinnen, bei dem unter anderem im Jänner potenzielle Investorinnen einen ganzen Tag ihr Wissen austauschten. Initiativen für einen höheren Frauenanteil gibt es also – doch bis zur Ausgeglichenheit ist es noch ein langer Weg.

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