Großer Hunger auf kleine Domains

Chinesische Investoren stecken immer mehr Geld in Internetadressen – auch in Österreich. Neben dem wachsenden Markt für Onlinehandel ruft dies auch Spekulanten auf den Plan.

In Summe sind in China 40 Millionen Domains registriert, davon kamen zehn Millionen allein im Jahr 2016 hinzu“, sagt Ray Zheng, CEO von Racent, einem der größten chinesischen Domainhoster. Für das laufende Jahr erwartet er, dass sich das Wachstum fortsetzt.

Was sind die treibenden Kräfte hinter diesem Boom? Erstens der wachsende Onlinehandel im Reich der Mitte, einhergehend mit der immer größeren Zahl an Internetnutzern: Derzeit sind 731 Millionen Chinesen online, was in etwa der Einwohnerzahl Europas entspricht. Der zweite Grund lautet: Spekulation. Denn nur zwölf Prozent der von Chinesen gekauften Domains werden tatsächlich zu Websites entwickelt, heißt es von Kassey Lee, der unter coreile.com regelmäßig zur chinesischen Domainbranche bloggt.

Die Internetadressen werden also nicht erworben, um darauf ein digitales Zuhause zu errichten, sondern um sie anschließend gegen einen Gewinn zu verkaufen. Dieser Eindruck wird verstärkt durch Aussagen von Giuseppe Graziano, dessen Unternehmen GGRG.com sich auf den Handel mit Kurzdomains spezialisiert hat – diese Domains, die nur aus einer Handvoll Zahlen und Buchstaben bestehen, lassen sich besonders schnell und einfach weiterverkaufen.

„35 Prozent dieser Domains gehören chinesischen Investoren“, sagt Graziano. Bei Domains aus reinen Zahlenkombinationen ist China nun der größte Investor, gefolgt von den USA. Im vierten Quartal 2016 hat China seinen Anteil an diesen „liquiden Domains“ als einzige Region der Welt gesteigert.

Einkauf in Österreich

Der Hunger auf kleine Domainhäppchen hat auch Österreich erfasst, wie Richard Wein, Geschäftsführer von nic.at, gegenüber HORIZONT verrät: Die österreichische Domain-Registrierungsstelle versteigerte Ende 2016 ein- und zweistellige .at-Domains und fand dabei auch chinesische Käufer. Den höchsten Preis erzielte dabei die Domain d.at mit 10.100 Euro; andere prominente Beispiele sind das auf der chinesischen Glückszahl basierende 8.at für 6.775 Euro und wh.at – englisch für „Was?“ – für 7.655 Euro.

Das sind allerdings kleine Beträge im Vergleich zu dem, was sich auf globaler Ebene abspielt: Jene 5.455 Domains, die im vierten Quartal 2016 verkauft wurden, erzielten laut GGRG.com einen Umsatz von 5,48 Millionen Euro. Preise zu einzelnen Domains werden laut einem Bericht von GGRG.com nur selten veröffentlicht – als prominentes Beispiel gilt aber hg.com, das von einem chinesischen Unternehmen gekauft und in einen Webshop verwandelt wurde.

Ein anderer bekannter Fall ist das chinesische Unternehmen Qihoo 360, das sich diverse Domains mit der Zahl „360“ sicherte – für 360.com legten sie laut Lee 17 Millionen Dollar auf den Tisch. Besteht angesichts solcher Zahlen die Gefahr einer Blasenbildung? „Jedes Anlageprodukt mit schnell wachsendem Wert kann ebenso schnell wieder im Wert fallen“, sagt Graziano. Immerhin: Sollte die Blase platzen, dann wäre der volkswirtschaftliche Impact nicht so fatal wie bei anderen Formen der Spekulation – zum Beispiel an der Börse.

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