„Gedruckte Medien, die nur nacherzählen, haben wenig Chancen“

VÖZ-Präsident Thomas Kralinger spricht im HORIZONT-Interview unter anderem über die Zukunft der Print-Branche sowie die Presseförderung.

Dieses Interview ist Teil der der HORIZONT-Printausgabe 10/2016 vom 11. März 2016. Hier geht's zum Abo

HORIZONT: Herr Kralinger, von ­Bundespräsidentenwahl bis Flüchtlingsthematik: Welche Rolle spielen VÖZ-Medien im Fokus aktueller Ereign­isse? 
Thomas Kralinger: Wenn es um die Herstellung von Öffentlichkeit und Informationsvermittlung geht, spielen die VÖZ-Medien eine herausragende Rolle. Das lässt sich auch ­empirisch belegen. Eine Untersuchung der APA Media Research hat die am meisten zitierten Medien ­erhoben. Das Ergebnis zeigt: In den Mitgliedsmedien des Verbandes ­Österreichischer Zeitungen finden die relevanten Debatten statt, hier werden die Themen gesetzt, über die Österreich spricht. Zitat aus der Studie: „Die Mitgliedsmedien des VÖZ leisten einen entscheidenden Beitrag zu einer umfassend informierten und interessierten Öffentlichkeit.“

Online schlägt Print in puncto Schnelligkeit, auch Meinung wird immer mehr über soziale Medien gemacht und verbreitet. Wo sehen Sie hier die Rolle von Print?
Das gedruckte Wort hat nach wie vor hohe Glaubwürdigkeit. Wir sehen zum Beispiel aus den Untersuchungen des Dentsu Aegis Networks, dass Leser von Qualitätsmedien auch verstärkt die Onlineplattform ihres Printmediums aufsuchen. Hier findet keine Verdrängung, sondern eine ­Ergänzung statt. Gedruckte Medien, die am Morgen jedoch nur nacherzählen, was am Vortag passiert ist, haben am Lesermarkt wenig Chancen. Der Journalismus der Zeitungen und Magazine ist aufwändiger geworden, die Tageszeitung muss in den Tag ­hineinwirken, den Leser überraschen und einen Mehrwert bieten. Gedruckter Information wird nach wie vor hohes Vertrauen entgegen ­gebracht. Hinzu kommt, dass Print-Werbesujets in den letzten Jahren, dank der nicht minder zu schätzenden Leistung der Werbeagenturen, raffinierter gestaltet werden, somit werden sie heute deutlich sympathischer wahrgenommen als noch vor einigen Jahren. 

Zwar untermauert der VÖZ mit Studien wie jener zur Wirkung von Printwerbung immer wieder den Stellenwert der eigenen Gattung, die finanziellen Aussichten und Budgetentwicklungen sind für die Printbranche dennoch keine rosigen. Wie kann und wird die gedruckte Zeitung überleben?
Ich kenne all die Untergangsgesänge. Halten wir uns lieber an die Fakten. Unbestritten ist, dass die gesamte Medienindustrie mit dem Phänomen der digitalen Disruption konfrontiert ist. Die Werbespendings als Konjunkturindikator sind sowohl deshalb aber auch konjunkturbedingt unter Druck. Richtig ist aber auch, dass Österreichs Printmedien internationale Spitzenwerte bei der Reichweite und beim Anteil am Werbekuchen erreichen. Österreich ist weiterhin eine starke Printnation. Diesen Umstand sollten wir bei allen Herausforderungen, vor denen Medien national wie international stehen, nicht klein­reden. Wie jedes Unternehmen müssen auch Zeitungsverlage ihre Produkte ständig erneuern und verbessern. Dies ist kein Lippenbekenntnis oder eine inhaltsleere Phrase, ­sondern dies geschieht in unseren Häusern tagtäglich. 

Trotz wiederholter Forderungen konnte der VÖZ in Sachen Presseförderung noch keine Verbesserung für seine Mitglieder erwirken. Wird man sich hier am Ende mit einem Kompromiss zufrieden geben müssen?
Mir ist nicht klar, von welchem Kompromiss Sie sprechen. Wie bei jedem Gesetzgebungsverfahren wird es ­einen Gesetzesentwurf geben, zu dem die unterschiedlichen Institutionen Stellung nehmen können und ihre Sichtweise einbringen können. Die Medienpolitik hat abzuwägen, wie die Zielsetzungen der Presse-förderung – nämlich die Sicherung der Medien- und journalistischen Meinungsvielfalt – gesichert werden können. Der VÖZ ist eine dieser Institutionen, möglicherweise auch eine sehr maßgebliche, aber sicherlich nicht die einzige. Fair enough. Auch wenn die Umsetzung noch nicht ­erfolgt ist, so sind wir mit den Verantwortungsträgern in der heimischen Medienpolitik im guten Gespräch und ich bin auch zuversichtlich, dass auch das Thema Presseförderung ­positiv erledigt wird.

Inwiefern ist das Gieskannen-Prinzip noch zeitgemäß – sollten nicht vielmehr Qualität, Ausbildung und ähnliche Kriterien gefördert werden? 
Ich muss Sie korrigieren. Das „Prinzip Gießkanne“ wurde bereits mit der ­Reform der Presseförderung 2004 ­abgeschafft, da wurden nämlich erstmals qualitätsfördernde Maßnahmen eingeführt, auch investiert die Presseförderung seit über zwölf Jahren in die Journalistenausbildung. Es ist aber richtig, dass der VÖZ mit seinem Presseförderungskonzept, das wir den politischen Verantwortungsträgern 2014 vorgelegt haben, qualitätsfördernde Maßnahmen und die Journalistenausbildung noch stärker fördern will. Wir wollen eine zeitgemäße Presseförderung, dabei muss das wichtigste Element dieses Instruments die Förderung des qualitätsvollen Journalismus sein und den ­sichert man nur, indem man die Medienvielfalt sichert. 

Waren die Kontrahenten des VÖZ früher nationale Mitbewerber, richtet man sich nun vielmehr gegen internationale Player. Einige heimische Medien kooperieren mit dem Gigant Google, andere, wie PULS 4 mit Amazon, leben eine Art „Frenemy“-Beziehung. Wie lautet die Empfehlung und Marschroute des VÖZ-Präsidenten? 
Ich will mich nicht „gegen“ etwas richten, sondern vielmehr „für“ etwas einsetzen, nämlich für faire Spiel­regeln. Dieses Thema ist meines ­Erachtens zu komplex, um es in Schwarz-Weiß, Freund-Feind einzuteilen. Wir kooperieren selbstverständlich mit Google und anderen Digitalunternehmen, wo es sinnvoll ist, beispielsweise bei der Google News Initiative DNI, aber davon ­unberührt sind unsere Bemühungen bei den europäischen Institutionen und der heimischen Politik für faire Rahmenbedingungen im Wettbewerbsrecht, Urheberrecht und ­Datenschutzrecht. 

Thema Leistungsschutzrecht: Die ­Regierung legte das Thema im Vorjahr nach heftiger Kritik auf Eis. Lobbyiert der VÖZ nach wie vor für ein solches Recht?
Wir erachten es nach wie vor als geboten, dass im digitalen Ökosystem nicht nur das Recht des Stärkeren gilt, sondern auch die Spielregeln der analogen Wirtschaftswelt in der digitalen Welt Gültigkeit haben. Wer das Eigentum anderer für gewerbliche Zwecke nutzt, sollte davor die ­Zustimmung des Eigentümers einholen und auch ein entsprechendes Nutzungsentgelt dafür entrichten. Wir werden uns daher auch weiterhin in Wien und Brüssel für einen besseren urheberrechtlichen Schutz von journalistischem Content im Netz stark machen. 

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