Früh-TV: Wie groß ist der Bedarf wirklich?

Der ORF startet mit „Guten Morgen Österreich“ und macht Puls 4 und Servus TV Konkurrenz. Nur: Macht das überhaupt Sinn?

Am Dienstag hat das lange Warten endlich ein Ende: Dann startet der ORF nämlich sein neues Früh-Format „Guten Morgen Österreich“. Schon seit Jahren war ein entsprechendes Vorhaben geplant, scheiterte aber immer wieder. Jetzt kommt es doch. Auch, weil das Format nicht die bereits bestehenden Sendungen kopiert und etwas neues ist. Mit einem mobilen Studio bereist der ORF jede Woche ein anderes Bundesland und jeden Tag eine neue Gemeinde. Kritiker bemängeln bereits, ORF-Chef Alexander Wrabetz gehe es dabei vor allem um gute Stimmung in den Bundesländern - im August wird schließlich ein neuer (oder alter) Generaldirektor gewählt. Wäre das Konzept aber nur eine Kopie von bereits bestehenden Formaten gewesen, hätte es wohl mindestens genau so viel Kritik und Spott gegeben.

Wrabetz geht es vor allem um eins: die Marktführerschaft. Eben diese will sich der ORF in der Früh zurückholen, inzwischen hat „Café Puls“, das ja nicht nur bei Puls 4, sondern auch bei ProSieben Austria und Sat.1 Österreich zu sehen ist, dem öffentlich-rechtlichen Sender den Rang abgelaufen. Im November 2015 sagte Wrabetz im Interview mit dem HORIZONT: „Als ich zum ORF gekommen bin, gab es zwar ein Publikum in der Früh, aber kein großes.“ Lange sei man mit Wetterkamerabildern trotz geringer Reichweiten Marktführer in der Früh gewesen - nun sei das anders. Aber wie groß ist das Potenzial am Morgen inzwischen wirklich?

Die Anzahl der potenziellen Zuschauer ist begrenzt

Die Primetime des Fernsehens ist natürlich weiterhin am Abend, der ORF verzeichnet zwischen 19:30 und 20 Uhr regelmäßig mehr als eine Million Zuschauer. Bei „Guten Morgen Österreich“ wird man da deutlich kleinere Brötchen backen müssen. So lag die werktägliche Durchschnittsreichweite im Jänner 2016 zwischen 6 und 9 Uhr bei gerade einmal etwa 257.000 Zusehern - auf allen TV-Sendern. Auf „Café Puls“ entfielen in dieser Zeit etwa 45.900 Zuseher, ORF 2 erreichte 25.400. Weit abgeschlagen: Servus TV mit „Servus am Morgen“, das nur auf durchschnittlich 8.100 Zuschauer kam. Aufs ganze Jahr gesehen sind die Reichweiten nicht exorbitant höher, laut APA sahen 2015 zwischen 6 und 9 Uhr sogar nur durchschnittlich 217.000 Menschen fern. Die Anzahl der Menschen, die in der Früh das TV-Gerät einschalten, ist also begrenzt.

„Café Puls“ inzwischen deutlicher Marktführer

Wenn man die Reichweiten dann mit der Einwohnerzahl Österreichs, oder der TV-Nutzung in der Primetime, vergleicht, sind es natürlich vergleichsweise geringe Werte, die in der Früh möglich sind. Was aber auch zählt, ist der Marktanteil. Hier hat der ORF, wie eingangs bereits erwähnt, die Pole Position an „Café Puls“ verloren. Die Puls-4-Sendung kam hier im vergangenen Jahr zwischen 6 und 9 Uhr (ohne Feiertage) laut Teletest auf durchschnittlich 19,2 Prozent bei den Zuschauern ab zwölf Jahren, bei den werberelevanten 12- bis 49-Jährigen waren es sogar 24,0 Prozent. ORF eins und ORF 2 zusammengerechnet erreichten 17,3 Prozent (ab zwölf) und 14,5 Prozent (12-49). Dass das einen ORF, der trotz stetiger Marktanteilsverluste in den vergangenen Jahren, noch immer fast auf jedem Sendeplatz Marktführer ist, schmerzt, ist klar. 

Besonders gut funktioniert „Café Puls“ übrigens bei den Zuschauern in Salzburg - und hier vor allem bei den jungen Zusehern zwischen 12 und 49 Jahren. Es ist wohl also eher kein Zufall, dass der ORF mit „Guten Morgen Österreich“ ausgerechnet in Salzburg startet (HORIZONT berichtete). Doch bei Puls 4 hat man offenkundig keine Angst vor der neuen Konkurrenz. Im Gegenteil: Man erhofft sich durch den ORF insgesamt höhere Reichweiten am Morgen, das bekräftigte Senderchef Johannes Kampel erst vor wenigen Tagen gegenüber HORIZONT

Puls 4 rüstet sich

Dass man die neue Konkurrenz von öffentlich-rechtlicher Seite aber nicht ganz auf die leichte Schulter nimmt, wird schnell klar, wenn man sich ansieht, was bei „Café Puls“ in der nächsten Woche auf dem Programm steht. Puls 4 hat in der Woche nach Ostern eine „Highlight-Woche“ ausgerufen, zu Gast sein werden unter anderem Larissa Marolt, Zoe, Christian Fuchs sowie viele Gesichter des Senders bzw. der Sendergruppe wie etwa Annemarie Carpendale („red!“), Thore Schölermann („The Voice“), Leo Hillinger („2 Minuten 2 Millionen“), Harry Prünster („Sehr witzig!?“) und die hauseigenen Webstars wie Michael Buchinger. Möglichst viele Zuschauer sollen gar nicht in die Versuchung kommen, mal rüber zum ORF zu schalten.

Servus TV als Verlierer?

Es ist aber auch klar, dass die Gesamt-Reichweite in der Früh nicht sprunghaft ansteigen wird, nur weil der ORF „Guten Morgen Österreich“ zeigt. Es wird auf ein Duell zwischen ORF und Puls 4 hinauslaufen, bei dem es auch Verlierer geben kann. Einer davon könnte Servus TV sein. „Servus am Morgen“ läuft schon jetzt unter dem Radar vieler Zuschauer, das könnte sich in den kommenden Wochen und Monaten noch verstärken. In Deutschland hat Servus TV das Format aufgrund des fehlenden Zuschauerinteresses bereits Anfang 2015 eingestellt. In Österreich erreichte „Servus am Morgen“ im vergangenen Jahr zwischen 6 und 9 Uhr einen Marktanteil von 2,8 Prozent bei den Zuschauern ab zwölf Jahren, damit lag das Format über dem Senderschnitt. Normalerweise liegt Servus TV bei etwa 1,7 Prozent. Bei den 12- bis 49-Jährigen erreichte „Servus am Morgen“ 1,7 Prozent. Für den kleinen Sender sind das zwar solide Werte, für ein relativ aufwändiges Format sind die Reichweiten aber eigentlich zu niedrig. Und nun kommt noch der ORF und macht zusätzlich Konkurrenz.

Letztendlich wird „Guten Morgen Österreich“ wohl auch „Café Puls“ einige Zuschauer kosten, zumindest kurzfristig. Ob die Marktführerschaft allerdings zurück an den ORF geht, steht längst nicht fest. Puls 4 hat sich über zehn Jahre hinweg ein treues Stammpublikum in der Früh erarbeitet, das nicht von dem einen auf den anderen Tag zu einem neuen Format wechseln wird. 

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