Horizont Newsletter

Die Lehren des Flowerrain-Falls

(c) Ian Ehm

Die Abhängigkeit von automatisierten Prozessen in der Kommunikation erreicht eine neue Ebene. Es braucht Lösungen mit Details und Transparenz. Leitartikel von Marlene Auer, Chefredakteurin.

Dieser Leitartikel ist zuerst in Ausgabe Nr. 1-2/2018 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken.

Der Vorfall hat es kürzlich bis in die New York Times geschafft: Caritas-Wien- Generalsekretär Klaus Schwertner sammelte via Facebook-Posting Glückwünsche für Österreichs Neujahrsbaby, das zuvor einer Unmenge an rassistischen Kommentaren und Hetze im Netz ausgesetzt war. Er rief zum „Flowerrain“ auf, dem Gegenpol zum Shitstorm, Tausende Menschen teilten den Beitrag – und Facebook? Löschte das Posting. Erst eine Welle der Entrüstung und wohl auch persönliche Interventionen haben zur Wiederherstellung geführt.

Nahe liegt, dass das Netzwerk aufgrund vieler Meldungen den Beitrag automatisch löschte. Nahe liegt auch, dass diese Meldungen organisiert betrieben wurden. Oder das Posting wurde wegen Spamverdachts offline geschaltet. Dieser Vorfall zeigt, welche Macht das Social Web über die Meinungsvielfalt besitzt – und wie leicht es manipulierbar ist. Die Abhängigkeit von Algorithmen oder automatischen Aktionen hat eine neue Ebene erreicht.

Indes wird in Deutschland heftig über das neue Netzgesetz diskutiert. Soziale Plattformen mit mehr als zwei Millionen Nutzern sind seit Jahresbeginn zur Einhaltung der gesetzlich vorgegebenen Verfahrensregeln verpflichtet. Die Inhalte zu kontrollieren und zu sanktionieren, ist und bleibt wichtig – ob Postings legitim oder strafbar sind, sollte allerdings Sache der Gerichte sein. Durch das neue Gesetz aber werden die, durch Daten, Algorithmen und Werbemilliarden ohnehin schon so mächtigen, Plattformen in genau diese Rolle des rechtlichen Abwägens gedrängt. Und das, obwohl nicht klar ist, wer diese Menschen sind, wo sie arbeiten und nach welchen Regeln und auf welchen Grundlagen sie ihre „Urteile“ fällen.

Das soll nun doch erarbeitet werden, lenkte die deutsche Bundesregierung ein. Bis zum Sommer müssen Facebook und Co entsprechende Berichte vorlegen. Das ist gut so, damit wird Transparenz geschaffen. Auch Österreichs Politik sollte die sozialen Plattformen in die Mangel nehmen, und das besser heute als morgen. Damit der nächste Flowerrain nicht mehr verschwinden kann.

1 Kommentare

  • Christian Wehrschütz
    Der „Flowerrain“ oder „Shitstorm“ ist an sich zweitrangig! Was zählt ist die Frage der versteckten, anonymen Zensur an sich!!!! Was nicht auf den ersten 10-Seiten von Google ist, ist nicht mehr in der Welt, um Wittgenstein abzuwandeln!! Wer legt das wie fest, wie kommen Einträge auf Wikipedia zustande, wie mühsam ist es, dort falsche Angaben zu korrigieren - all diese Probleme sind viel drängender, so unangenehm Negativkampagnen auch sein mögen! Trotzdem gilt - die Freiheit im Netz ist auch vor deutschen Regierungen zu schützen. CW

Neuen Kommentar schreiben

* Pflichtfelder
Netiquette auf HORIZONT online

Das könnte Sie auch interessieren