Die Hitze des Social Webs

Warum eine Differenzierung der einzelnen Erfahrungsberichte unter dem Hashtag ‚metoo‘ wichtig ist und was der Journalismus dafür tun kann.

Dieser Leitartikel ist zuerst in Ausgabe Nr. 46 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Seit rund einem Monat vergeht kaum ein Tag ohne Diskussionen über Sexismus und sexuelle Belästigung. Die „#metoo“-Kampagne entwickelt sich zur weltweiten Bewegung, getragen von der Bündelung von Erfahrungsberichten auf den sozialen Netzwerken unter dem Hashtag. Diese neue Form der Kommunikation hat den Vorteil, dass Betroffenen Mut gemacht wird, sich zu äußern. Sie finden Gehör und die Problematik wird öffentlich thematisiert. Das ist gut und wichtig.

Doch die Kampagne hat aus Kommunikationssicht betrachtet auch eine Kehrseite: Der Begriff #metoo ist zu einem Biotop unterschiedlicher Erlebnisse geworden. Zwischen einem anzüglichen Witz und einer Vergewaltigung liegen allerdings Welten. Werden die einzelnen Vorfälle, die derzeit allesamt unter dem Stichwort zusammenlaufen, nicht genauer unterschieden, droht einerseits eine Verharmlosung wahrer Straftaten und andererseits die Gefahr von Vorverurteilungen einzelner Personen.

Die Temperaturen im Social Web sind zeitenweise dermaßen angeheizt, dass es selbst Journalisten schwer fällt, sich abzugrenzen. Mehr denn je ist Sachorientiertheit gefragt. Recherche kommt vor Veröffentlichung. Journalismus sollte Debatten nicht anheizen, sondern sie mit Informationen unterlegen. Gerade bei so sensiblen Thematiken wie es bei der aktuellen #metoo-Bewegung der Fall ist, braucht es Journalisten, die Fakten und den Kern des Problems in den Vordergrund stellen – um die Debatte auf eine Ebene zu führen, auf der Reflexion möglich ist und in Folge Lösungen erarbeitet werden können, etwa in Form von politischen Forderungen. 

Je länger die Debatte ohne konkrete Folgen andauert, desto hitziger werden sich die Emotionen im Social Web entwickeln und desto größer ist die Gefahr, dass das Grundproblem – nämlich Sexismus und sexuelle Belästigung – in den Hintergrund rückt. 

Journalisten können hier zeigen, dass es ihnen nicht um persönliche Meinungsmache, sondern um das Thema geht – indem sie sachlich berichten und sich bei der Recherche auf das Prinzip des guten alten Check–Recheck–Doublecheck besinnen, anstelle den Temperaturen im Netz hinterherzuhetzen.

[]

Kommentare

0 Postings

Keine Kommentare gefunden!

Diskutieren Sie mit

Neuen Kommentar schreiben

* Pflichtfelder
Netiquette auf HORIZONT online