Der Selbsthass der Zeitungen

Jenseits des HORIZONT

Der US-Zeitungsverlegerband streicht den Begriff „Zeitung“. Begründung: Zeitung decke nicht mehr das ab, was die Branche vertrete. Nun heißt es zwar – anders als bei uns – im Englischen dezidiert „paper“, fatal ist es dennoch. Offensichtlich haben die Zeitungsverleger den Glauben an sich selber verloren.
Mit dem Auslöschen des Papiers signalisiert man das Ende einer Kultur. Es ist als ob Buchverleger den Namen des Buches eliminieren wollten.

Bücher wurden schon gelöscht. Wer je Fahrenheit 451 gesehen hat, kann sich ein Bild davon machen. Dass der Träger das Medium nicht beeinflusse, widerspricht jeglicher Kommunikationstheorie. Und dass Träger sich selbst auflösen, bevor sie Gefahr laufen, nicht mehr akzeptiert zu werden, hat es noch nie gegeben.
TV hat es leichter. Nach dem – angekündigten aber nicht eingetretenen Tod des Mediums – nennt man sich Total Video. Die Initialen blieben gleich, das Markenzeichen ebenfalls.

Auch wenn es reaktionär bis lächerlich erscheinen mag: Bislang hat sich das Papier als beständigstes Material erwiesen. Floppys aus den Siebziger- und Achtzigerjahren kann man heute nicht mehr laden, Kassetten kaum irgendwo anhören und die Videokassetten wird auch bald kein Gerät mehr spielen.
Vinyl, längst zu Tode getragen, wird gerade wiederentdeckt. Mühsam sucht man Einzelteile alter Pressmaschinen zusammen, um die Nachfrage zu decken. Vinyl boomt. Trotz Spotify, Amazon und Co. Jetzt reproduziert man wieder analoge Plattenspieler und erinnert sich sehnsüchtig an alte Mitschnitte, die durch CD-Filter gesäubert wurden.

Nicht Nostalgie soll das sein, auch nicht Verteidigung mancher Archivare und Bibliothekare, die sich weigern alles und jedes digitalisieren zu lassen: Sie wissen aber, welche Macht vom Wissen ausgeht.
Google weiß es auch. Mit dem Absolutismus Googles kann man auch Zugang zu Wissen sperren. Wieder bleiben lediglich die Bibliotheken, in denen sogar Tageszeitungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert so gut aufbewahrt sind, dass man sie einfach nehmen und lesen kann. In den USA ist die Zahl der Buchleser (gedruckt) seit Langem wieder im Steigen, manche „Zeitungen“ schlagen sich weltweit wacker: Geruch von Papier hat Erotisches an sich. Ebenso wie das Rascheln und Knistern. Wenn sich eine Branche selbst verstümmelt, weil sie meint nicht mehr zeitgemäß zu sein, hat sie Gespür und Trost verloren. Und vor allem: Das eigene Ende beschleunigt.

[Jenseits des HORIZONT]

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