Das neue Match der Tech-Giganten

Es ist wichtiger denn je, bei Bildung anzusetzen und Transparenz einzufordern.

Dieser Leitartikel ist zuerst in Ausgabe Nr. 4/2017 des Digital-Magazins „Update“ erschienen. Sie können Update im Rahmen eines HUB-Abos unter diesem Link bestellen.

„Jetzt ist die Welt dran.“ Es sind nur fünf Wörter von Alibaba-Gründer Jack Ma, die international sofort für Aufsehen sorgen. Geahnt hat es die globale Tech-Szene schon lange, nun scheint es bald Realität zu werden: Der Onlinehändler aus China prescht vor. Zwei Milliarden Konsumenten und zehn Millionen Händler will das Unternehmen gewinnen, heißt es. Dazu sollen in den kommenden Jahren weltweit bis zu 100 Millionen neue Jobs geschaffen werden. Das Geschäftsmodell: Händler sollen nicht ersetzt, sondern über die Plattform verbunden werden. Während Amazon viel Geld in Logistik und Lagerflächen stecken und Support leisten muss, konzentriert sich Alibaba rein auf die Vermittlerfunktion und die Technologie für die Abwicklung von Transaktionen. Das Geschäft beruht auf „Freemium-Modellen“ für Händler.

Bisher hat sich Alibaba bei seiner Expansionsstrategie vor allem auf Länder konzentriert, in denen Handel, Finanz und Logistik in einem ähnlichen Entwicklungs- und Digitalisierungszustand sind, wie es in China vor einigen Jahren war. Der Konzern hält etwa Anteile an Bezahldiensten in Indonesien, Singapur oder Südkorea. In Indien kommt es nun bereits zum großen Aufeinandertreffen mit dem Konkurrenten Amazon, der dort neues Geschäft wittert und seit Jahren investiert. In Europa ist Alibaba derzeit noch vor allem für den Import aus China von Bedeutung, aber das kann sich bald ändern. 2016 hat das Unternehmen ein Rechenzentrum in Frankfurt eröffnet, mit dem es deutsche Unternehmen für die Speicherung von Daten in der Cloud gewinnen will. Ob das nach dem offiziellen Startschuss der Datenschutz-Grundverordnung und der ePrivacy-Verordnung in Europa noch so funktioniert, ist fraglich.

Während die Tech-Giganten also international neue Märkte erschließen, scheint Europa weiterhin in einer Art Digitalisierungsstarre zu verharren. Dringender denn je braucht es Innovation und Unternehmertum, den gemeinsamen Willen der EU-Länder, zusammenzuarbeiten, um hier ein Gegengewicht bilden zu können. Denn die Macht von Amazon (und künftig auch Alibaba) greift immer stärker in unseren Alltag ein – etwa auch über die Produktrezensionen.

Diese könnten ein großes Thema für Werbung und Marketing werden, vor allem in Kombination mit smarten Assistenten. Die könnten künftig nur noch Waren mit den besten Bewertungen empfehlen und auf die digitalen, automatisierten Einkaufslisten setzen. Für das Marketing geht es künftig also auch darum, zu überlegen, wie Produkte besser bewertet werden – um schließlich überhaupt beim Konsumenten vorgeschlagen zu werden. Das kann über den ehrlichen Weg geschehen, indem auf Qualität gesetzt wird. Leider ist das aber nicht immer so. International hat sich ein Geschäftszweig entwickelt mit Unternehmen, die auf Bestellung Rankings nach oben oder unten treiben. Diese Fake-Bewertungen sind immens gefährlich – für Unternehmen wie auch für Konsumenten. Der Markt wird damit künstlich verzerrt, das könnte mit den smarten Assistenten eine neue Ebene erreichen. Zwar wollen die Plattformen diesem Problem mit Antikorruptionsabteilungen entgegnen, doch die ungeheure Masse an zu überprüfenden Ratings und Postings ist nicht vollständig überprüfbar und wird es auch nie sein. Algorithmen, die fragwürdige Bewertungen filtern, können zwar helfen, eine komplette Abdeckung und Sicherheit ist aber technisch (derzeit noch) nicht machbar.

Umso wichtiger ist es, diese Thematiken öffentlich zu diskutieren, bei der Bildung anzusetzen und zugleich Transparenz einzufordern. Lehrer benötigen Wissen über die Systeme, um Schüler aufklären zu können. Eltern benötigen gesicherte Informationen, wie Algorithmen zustande kommen und warum nicht jedes Online-Rating stimmen muss. Zudem wäre es notwendig, dem Thema Digitalisierung auf politischer Ebene besonderes Gewicht zu geben, es zur Chefsache zu machen. Und schließlich braucht es den europaweiten Willen für eine eigene ITKultur, um uns nicht weiter von amerikanischen und chinesischen Playern abhängig zu machen. Können wir nicht? Doch. Können wir. Wir müssen es nur wollen.

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