Danke für Ihre Gedanken, Herr Professor Kruse

Persönliche Erinnerungen an ein Zusammentreffen, das auch einer der Höhepunkte in 25 Jahren Arbeit als Journalistin war

Dieser Artikel ist bereits in der HORIZONT-Ausgabe 36/2015 erschienen. Hier geht's zum Abo.

Manchmal ist es unheimlich. In den letzten Junitagen – kurz vor meinem Urlaub – formulierte ich eine Interviewanfrage an Professor Peter Kruse – einer der begnadetsten Internet-Vordenker und Netzwerkforscher, Gründer der Unternehmensberatung nextpractice. Ich wollte ihn für das Coverinterview des aktuellen bestseller gewinnen – zusammen mit einem anderen Vordenker. Es wäre ein großartiges IQ-Stelldichein geworden. Doch plötzlich klickte ich das Textfenster weg – etwas in mir sagte „das wird nix, vergiss es“ – und löschte alles. Eigentlich ein untypischer Zug von mir.

Vergangene Woche saß ich dann bei genau diesem Coverinterview – mit anderer Besetzung. Und in ­einem Word Dropping erfuhr ich, dass er tot ist. Professor Peter Kruse verstarb am 30. Juni dieses Jahres im Alter von 60 Jahren an Herzversagen. Im Urlaubstrubel ist mir das völlig entgangen. Mir fiel der Stift aus der Hand.

Ich saß in meinen 25 Jahren als Journalistin vielen, vielen interessanten, inspirierten und inspirierenden Persönlichkeiten zum Interview gegenüber. Aber Professor Kruse war mit Abstand der beeindruckendste, intelligenteste und feingeistigste Mensch, den ich je interviewen durfte. Es war im Jänner 2010. Ich flog zu ihm nach Bremen, in den Loftspace seiner Unternehmensberatung. Zur Vorbereitung verleibte ich mir alle seiner Selfie-Vorträge auf YouTube ein: Change Mangement, Kreativität, revolutionäre Netze, der Schmerz des Übergangs … schließlich begegnet man einem Menschen wie ihm mit einer Landkarte seiner Gedankenwelt. Wir sprachen vier (!) Stunden über das Internet, soziale Medien, die Auswirkungen auf ­unsere Gesellschaft. Seine Leidenschaft galt der Mustererkennung ­innerhalb der Komplexität modernen Lebens. Ein faszinierendes ­Gespräch ohne Starallüren, ohne Überheblichkeit und Ungeduld. In dudenhaftem Deutsch mit fehler­losen Satzstellungen bis hin zu 1.1.3.2.4.a erklärte er den tief greifenden Wandel durch die sozialen Netze. Brillant präzise, seine Art zu denken und zu formulieren, ohne trivial zu versimplifizieren.

In einem Nebensatz erfuhr ich, dass am nächsten Tag eine Operation anstand – und er wiederum ­erfuhr, dass ich vorher die Freigabe brauchte. Seine Gedankengut über Nacht auf drei Seiten Text einzudampfen war vermutlich die größte Challenge meines journalistischen ­Daseins. Es folgte ein Freigabeprozess zwischen Untersuchungen und OP-Vorbereitungen, während derer er auf dem Krankenbett an unserem Interview feilte. Als das Werk fertig war, verschwand er in den OP-Saal. Und das Interview waberte Monate nach Erscheinen noch durch die deutschsprachige Netzwerklandschaft: „Wir brauchen Querdenker und Empathie“ – es hat bis heute nichts an Aktualität verloren, im ­Gegenteil, mit seinen Gedanken war er seiner Zeit weit voraus. Ich fragte ihn, wovor er am meisten Angst habe. Seine Antwort: irgendwann nicht mehr denken zu können. Es macht betroffen, wenn jemand wie er viel zu früh damit aufhören musste. Danke, Herr Professor Kruse, für Ihre Gedanken. R.I.P.

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Kommentare

1 Postings

  • Alexander J. Müller
    Tot? Ein Jammer, gerne hätte ich mehr bei ihm gelernt, diesem excellenten Quer-, Vor- und Allrounddenker.
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