Blockchain: Verketten wir uns nicht!

So groß das Potenzial ist, so hoch sind auch die Gefahren.

Dieser Leitartikel ist zuerst in Update, dem Digitalmagazin des HORIZONT, erschienen (Ausgabe Nr. 3/2017).

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„Diese Technologie hat unglaubliches Potenzial und gehört zu den sichersten und transparentesten Systemen, um Daten zu verwalten und Werte auszutauschen.“ Eine klare Ansage von Wirtschaftsminister Harald Mahrer im Vorwort der „Blockchain Roadmap Austria“. Bis 2027 sollen rund zehn Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts über die neue Technologie laufen, prognostiziert das World Economic Forum.

Blockchain könnte vor allem im Finanzbereich eingesetzt werden, bei virtuellen Währungen wie Bitcoin. In der Medienwelt könnten neue Bezahlmodelle, Micropayments, Systeme für Crowdfunding oder automatisierte Abo-Verträge entstehen. Durch die dezentrale Datensicherung bestünde zudem die Möglichkeit, temporäre Netzwerke zu erstellen. An diese würden sich einzelne Medienschaffende anbinden. So bilden sich Teams, die sich nach Abschluss des Projekts wieder auflösen. Die Blockchain könnte für derlei Tätigkeiten vorgefertigte Verträge bieten und die Bezahlung anhand der automatisiert festgesetzten Anteile ausschütten, etwa in Bitcoin.

Im Werbebereich würden Kampagnen, die über eine Blockchain laufen, nicht mehr kontrolliert „ausgespielt“, sondern in das bestehende Internet „eingewoben“. Nur wenige Eckpunkte genügen. Die Kampagne sucht sich selbstständig themennahe Anknüpfungspunkte, verbreitet sich autonom weiter und wächst durch Intensität.

Schneller, besser, sicherer? Ganz so ist es nicht. So groß das Potenzial von Blockchain ist, so hoch sind auch die Gefahren. Blockchain-Transaktionen sind nicht vollständig anonym, wie oft behauptet wird. Sie sind „pseudonym“, ein Code steht für ein Individuum. Das ist kritisch zu betrachten. Durch die unzähligen vernetzten Daten ist die direkte Zuordnung zu einer Person und Identität relativ.

Außerdem gibt es (noch) keine übergeordneten Kontrollinstanzen. Es gibt kein Sicherheitsnetz bei „elektronischen Überfällen“. Und es besteht das Risiko, dass sich Konzerne durch Entwicklungs- und Forschungsarbeit besonderes Wissen oder gar eine Form des Hoheitsrechts in der Blockchain-Welt sichern. Nutzen sie dieses aus, geraten wir in eine absolute und noch nie erfahrene Abhängigkeit.

 Das Marketing von so manchem IT-Konzern wie etwa Microsoft spielt bereits mit dem Programm „Blockchain as a Service“. Anwendungen können dort entwickelt und getestet werden. Dabei aber wird die Grundidee von Blockchain – nämlich Dezentralisierung – verändert. Zwar wird alles kryptografisch gesichert, doch betrieben wird das System von nur einem: Microsoft. Auch IBM bietet bereits Testprodukte. In der Folge stellt sich die Frage: Wie wird sicherheitstechnisch mit den bereits bestehenden Cloud-Lösungen umgegangen, die vielmehr das Ziel des Verknüpfens als des Dezentralisierens verfolgen?

Blockchain steckt noch in den Kinderschuhen, vergleichbar mit der Entwicklung des Internets in den 1970er-Jahren, als das Internet Protocol (IP) erfunden wurde. Es dauerte weitere 15 Jahre, bis Windows 1.0 auf den Markt kam. Dass es diesmal so lang dauern wird, ist zu bezweifeln.

Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen und Aufklärung betreiben, damit sich der Plattformkapitalismus, in dem Monopolanbieter Vertragsformen, Geldflüsse und Preispolitik kontrollieren, nicht durchsetzen kann. Bleibt zu wünschen, dass Blockchain seinem Kerngedanken treu bleibt, Nutzern rein technologische Möglichkeiten zu bieten. Hoffnung allein genügt nicht: Die Demokratie, der Staat, die Politik müssen Taten setzen. Sonst werden sie nur Teil der Blockchain.

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