Besucherrekord bei den 24. Österreichischen Medientagen

Alles bewegt sich, alles verwandelt sich. Über die Metamorphose der Medienwelten.

Klassisches Fernsehen in rasantem Wandel. Die Forderung nach Rahmenbedingungen für fairen Wettbewerb wird lauter. Der Boom zu Eigen- und Nischenproduktionen schreitet voran. Classified-Geschäfte als Erfolgsrezept zur Refinanzierung. Kreatives Storytelling als Garant für guten Journalismus. Print als das neue Luxusgut.

Prall gefüllte Säle am 20. und 21. September 2017 im Erste Campus Wien. Mit rund 2000 Teilnehmern schaffen die Medientage einen neuen Besucherrekord. Die 24. Österreichischen Medientage überzeugen mit spannenden Key Notes und Panels, die unter dem Motto „Vorwärts schauen!“ dem Publikum Einblicke in Erfolgsstrategien der Zukunft ermöglichen.

In der neuen Location des Erste Campus begrüßt Erste-Chef Andreas Treichl die Gäste und bringt launige Anekdoten über die Parallellen zwischen Banken- und Medienbranche.

Die Eröffnungsrede hält Marlene Auer, Chefredakteurin des Horizont Österreich. Sie appelliert an die Sorgfaltspflicht der Medien, gerade in Zeiten der rasanten digitalen und technologischen Entwicklung. Die Qualität der Berichterstattung müsse auch für die Generation der digitalen Natives erhalten bleiben – im Sinne der Bildung und nicht der Manipulation.

Medienminister Thomas Drozda spricht über Demokratie, die Relevanz der Öffentlichkeit und warum er sich eine Regulierung der internationalen Onlinegiganten wünscht.

TV in turbulenten Zeiten
Anke Schäferkordt, Geschäftsführerin von RTL Deutschland spricht in ihrer Eröffnungs-Key-Note über die Notwendigkeit, in Zeiten des rasanten digitalen Fortschritts faire Rahmenbedingungen für alle zu schaffen. „Die Branche war schon immer vom Wandel geprägt, das Tempo des Wandels hat allerdings neue Dimensionen erreicht“, meint Schäferkordt. Die Fragmentierung werde noch größer, On-Demand-Inhalte weiter zunehmen und neue Konkurrenten auf klassische TV-Sender zukommen. Die RTL-Group wappnet sich und setzt ihren Fokus zukünftig verstärkt auf Eigenproduktionen. „Viele Sender sind sehr vom amerikanischen Markt abhängig, hier sind Eigenproduktionen definitiv ein Wettbewerbsvorteil“, betont Anke Schäferkordt in ihrer Rede.

Von TV zu Total-Video
Lineares Fernsehen bleibt bedeutend. Davon ist zumindest Markus Breitenecker, Geschäftsführer von (ProSiebenSat1Puls4) überzeugt, räumt jedoch ein, dass dazu auch die online und StreamingNutzung zählen müsse. Er verweist auf „ZAPPN“, eine App, auf der man verschiedenste Sender livestreamen kann. Auch der ORF erreicht seine Zielgruppen vorwiegend mit linearem TV, Alexander Wrabetz will sich aber auf die Diskussion Video gegen TV nicht einlassen. „Wir sind alle keine Videomacher, die Home-Clips produzieren. Wir sind dazu da, professionelle Videos zu machen. Das sind alles Fernsehinhalte“. Christoph Schneider von Amazon Video sieht die Rolle von Amazon als ein weiteres Angebot, das mehr High-End-Serial-Dramas bringt: „Amazon Prime wendet sich an ein breites Publikum“, so Schneider: „Wir versuchen „everyones favourite film“ und Serie anzubieten, haben jedoch auch Eigenproduktionen und Nischenprodukte im Programm“.

Die Zukunft des Journalismus
Der Vicepresident von CNN U.S. und General Manager von CNN Digital Worldwide – Andrew Morse – widmet sich in seiner Key-Note „Digital Media’s Next Frontier“ vor allem dem Bereich des Storytellings. Dieses habe sich im Laufe der Zeit aufgrund der Technologie geändert, sagt Morse und zählt die drei wichtigsten Dinge auf, die guten Journalismus auch in Zukunft ausmachen werden: Innovatives Storytelling, die Verbreitung und die Technologie. Zum Beispiel sei Virtual Reality ein mächtiges Storytelling-Tool, mit dem man durchaus experimentieren sollte. Andrew Morse betont, dass es letztendlich wichtig sei, „immer zu pushen, denn wir leben in einer außergewöhnlichen Zeit und es ist eine faszinierende Zeit im Storytelling-Business zu sein. Lassen Sie uns gemeinsam vorwärts pushen“.

Fake News als Chance für seriöse Medien
Spätestens seit Trump mit der Killerphrase „You are Fake-News“ die unliebsamen Fragen eines Journalisten „beantwortete“, ist das Thema zur Causa Prima in Medienkreisen avanciert. Die Teilnehmer der Panelrunde „Fake News“ sind aber durchwegs der Meinung, dass Fake News auch als Chance für seriöse Medien zu sehen sind.

Für Ernst Sittinger (Kleine Zeitung) ist wesentlich, dass es hierbei um interessengetriebene Falschmeldungen geht, wobei das ja nichts Neues sei. „Eine journalistische Essenz war immer, zwischen wahr und falsch zu entscheiden. Wir betreiben ja eigentlich Labelling und solange unsere Marke in Ordnung ist, haben wir eine höhere Glaubwürdigkeit, als wenn die News aus einer Hexenküche kommen.“ Schon als Kind hingegen hat sich Kurier-Chefredakteur Helmut Brandstätter über tendenziöse Berichterstattung der Medien geärgert. Auch heute hält der Ärger noch an, jedoch meint Brandstätter: „Gerade im Lokaljournalismus haben wir den Vorteil, dass wir näher dran sind und alles leichter überprüfen können.“ Katharina Schell von der APA meint dazu in ihrem Statement: „Medienkompetenz ist ja wünschenswert, wir können uns User aber nicht herbeiphantasieren.“ Die gesamte Debatte sei aber eine Chance, dass Medien insgesamt wieder an Glaubwürdigkeit gewinnen. Die journalistischen Grundregeln der APA hätten sich nicht verändert: „Richtigkeit vor Schnelligkeit.“

Classified-Geschäfte als neue Finanzierungsformen
Im Panel „Refinanzierung Out of Media“ wird debattiert, wie entscheidend eine Refinanzierung von Medienunternehmen über andere Bereiche – etwa Classified-Geschäfte ist. Jan Eric Peters, Leiter des Axel Springer Prestigeprojekts „upday“ betont, dass das Classified-Geschäft „losgelöst von der journalistischen Marke“ sei und dieses auch „unabhängig von der Marke“ funktionieren würde. Christoph Tonini, CEO der Tamedia Mediengruppe, erklärt, dass Classified-Geschäfte zwar noch wachsen, doch die globalen Player werden zunehmend zur Bedrohung. So wie etwa Facebook mit dem Start des Market Place.

Print als Luxusgut
Es gibt einen Konsens: Der neue Adel heißt Print. Soweit sind sich im Print Panel alle einig. Für Christian Rainer, Herausgeber des profil, steht fest: „Print ist zum Luxusgut geworden und wer will auf Luxus schon verzichten“. Die starken Marken werden sich diesbezüglich durchsetzen. Christian Cohrs, Redaktionsleiter der deutschen Wirtschaftszeitschrift „Business Punk“ skizziert das erfolgreiche Markenmodell, unter dem zwei Kanäle vereint sind. Der CEE von Vice Österreich, Stefan Häckel, betont ebenfalls die Wichtigkeit des Brands und erklärt: „Für uns ist Print ein coffee-table Ding für longreads. Wir gehen davon aus, dass das Publikum Print zur Hand nimmt, wenn es Zeit dafür hat“.

Datenschutz und Kontrolle
Ab Mai 2018 gilt die EU-Datenschutzgrundverordnung. Jan Philipp Albrecht, Datenschutzexperte im EU Parlament, erklärt in seiner Key Note, warum die Datenschutzgrundverordnung gut und wichtig für Europa ist. „Mit der DSGVO schaffen wir einen neuen Standard, nämlich das Marktortprinzip“, sagt Albrecht: „Jeder, der in der EU Geschäfte macht, muss sich auch an die hiesigen Regeln halten.“ Und dies meint er, ist unabhängig davon, wo das Unternehmen sein Headquarter hat.

Kritisch sieht Albrecht aber auch die Rolle der US-Konzerne, wenn es um den freien Markt geht. Der Onlinehandel boomt, Apple, Google und Amazon übernehmen die Funktion der Gatekeeper: „Jeder von Ihnen wird in der Situation sein, dass er von einem dieser Gatekeeper abhängig wird,“ warnt Albrecht. „Sie werden nicht mehr selbst bestimmen können, wie Sie Ihre Produkte anbieten. Ich halte das für katastrophal.“ Und das gilt nicht nur für den Onlinehandel, sondern auch für Medien, deren Geschäftsmodell davon abhängig ist, wie oft Beiträge angeklickt werden.

Weibliches Entrepreneurship
Wie kommen Frauen in Spitzenpositionen? Welche Skills sind dazu notwendig? Walter Ruck, der Präsident der Wirtschaftskammer Wien, gibt einen Überblick als Einstieg in das Panel: „Knapp unter die Hälfte der Unternehmensgründer in Österreich sind weiblich“. Wenn man sich die Bildungsabschlüsse ansehe, handle es sich um eine steigende Tendenz, ist Ruck überzeugt. Die Fähigkeit, in eine Spitzenposition zu kommen liegt laut Valerie Hackl, Mitglied des Vorstandes der ÖBB-Personenverkehr AG viel „im Wesen und dem Charakter eines Menschen“. Für ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner fängt die Gleichstellung der Frau im Kleinkindalter an: „Wir müssen in der Erziehung Selbstwert und Selbstständigkeit ausbilden. Sonst kommen wir nie auf Augenhöhe.“

Der Run um die Sportlizenzen
Immer mehr Player rittern auf einem heißen Markt um Sportrechte. Im Panel „Sportlizenzen – wie geht es weiter?“ gehen Experten aus dem Sport- und Verlagsbereich der Frage nach, ob die Sportarten hinter einer Paywall verschwinden oder besser im Free-TV angeboten werden. Susanna Aigner-Drews von Discovery Communications Deutschland sieht am Trend zum Pay-TV viel Gutes: Der Sport verschwindet nicht, „Pay-TV bietet dem Zuschauer viel mehr Möglichkeiten – diese breite Masse an Sportarten wäre sonst nicht möglich“. Der Managing Director for rights des Streaming-Dienstes „DAZN“, Kai Dammholz, stimmt Aigner-Drews zu: „Der Großteil der Sportarten wird hinter eine Paywall kommen“, im Free-TV würden aber WM, EM und Olympia bleiben. Christian Ebenbauer, Vorstand der Fußball-Bundesliga, plädiert für Free TV – jeder solle ein gewisses Maß an Möglichkeiten haben, Highlights zu sehen ohne dafür bezahlen zu müssen.

Der Radiogipfel
Die Zukunft des Radios wird von hochkarätigen Radioexperten diskutiert. In der Eröffnungs-Key-Note des Radio-Futurologen James Cridland, der Radio als „geteilte Erfahrung mit menschlicher Verbindung“ definiert, erklärt der Radio-Experte, dass Podcast und Radio-on-demand noch immer Radio seien, jedoch auf einer anderen Plattform. Die Zukunft des Radios sieht Cridland sowohl on-demand als auch online.

Verhärtete Fronten gibt es zwischen den heimischen Radiobetreibern zum Thema UKW vs. DAB+. Anbieter brauchen Wege, um Konsumenten auch in Zeiten von Spotify und Amazon anzulocken. Für die ORF-Radiodirektorin Monika Eigensperger ist DAB+ klar eine Übergangstechnologie: „Nirgendwo in Europa ist es ein durchschlagender Erfolg. In Großbritannien geht die Nutzung zurück, in Österreich wurden letztes Jahr nur vier Prozent DAB+-fähige Geräte verkauft“. Matthias Gerwinat, Geschäftsführer des Vereins Digitalradio setzt hier entgegen: „Wichtig ist zu wissen, welche Interessen und Bedürfnisse die Menschen haben, die Radio bezahlen. Dazu brauchen wir Content, der gehört werden will. Und dabei ist DAB+ der richtige Weg“.

Zwischen Haushaltsabgabe und e-privacy-Verordnung
Medienpolitik lautete das Thema des letzten Panels der Österreichischen Medientage. Eine 9köpfige Runde diskutiert unter der Moderation von Presse-CR Rainer Nowak über Presseförderung, Medienabgabe und Forderungen an die Politik. Gerald Grünberger (VÖZ) nennt zwei entscheidende Trends der nahen Zukunft: Erstens wird der Druck auf die Refinanzierung der Medien zunehmen, zweitens wird es in den nächsten 5 Jahren verstärkt zu Kooperationen kommen. Ernst Swoboda (VÖP) meint, dass die von der EU vorgestellte e-Privacy-Verordnung in abgeschwächter Form eingeführt werden wird. Alexander Wrabetz geht davon aus, dass auch in fünf Jahren der ORF in Sachen Reichweite und Qualität weiterhin zu den erfolgreichsten drei TV-Sendern in Europa zählen wird, und kündigt außerdem eine Neuaufstellung des ORF in vielen Bereichen an. Josef Cap sieht Positives und meint, der Medienstandort sei abgesichert und es gibt einen lebendigen Privatfernsehbereich. Gernot Blümel (ÖVP) stört an der Medienpolitikdebatte, dass sie alleine den ORF zu betreffen scheint. Er fordert, hier breiter zu werden. Claudia Gamon (NEOS) geht es um die Verwendung der Medienförderung und meint, sie seien gegen diese Medienförderung durch Inserate und gute Inhalte sind public value.

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