„Andere Spezies inspirieren mich“

Neil Harbisson, Speaker der Zukunftskonferenz NextM, über implantierte Technologie im menschlichen Körper – und welche Kommunikation von Elefanten und Haien übernommen und bereits anwendbar ist.

HORIZONT: Sie tragen eine implantierte Antenne in Ihrem Kopf und sagten in einem Interview mit The Guardian, dass wir als Menschen die Verpflichtung hätten, Technologien für die Erweiterung unserer Sinne zu nutzen. Welche Herausforderungen bringt diese Art der Vernetzung mit sich?

Neil Harbisson: Die größte Herausforderung ist gesellschaftlicher Natur, weil die Vielfalt der Gesellschaft in Zukunft eine größere sein wird, wie wir sie bisher kennen. Zu den fünf bekannten Sinnen kommen neue hinzu, sodass wir nicht mehr dieselbe Spezies sein werden. Wir werden die Macht haben, zu entscheiden, welcher Spezies wir angehören wollen.

Was bedeutet das?

Das wird eine große gesellschaftliche Veränderungen mit sich bringen, weil die Menschen imstande sein werden, sich selbst neu zu designen. Andererseits wird es mehr und mehr technologische Herausforderungen mit diesen Entwicklungen geben, wie beispielsweise der Aspekt, wie man diese Technologie biologisch herstellen kann. Ich denke, dass diese Technologien zukünftig organischer Natur sein werden.

Meine Antenne wird demnächst mithilfe eines 3D-Druckers nachgebaut, mit meiner eigenen DNA. Das heißt aber, dass die Antenne meine Gene vollständig modifiziert. Die Frage ist, wann diese Technologie voll in der Gesellschaft akzeptiert wird. Nehmen wir die Transgender-Diskussion her – die Gesellschaft akzeptiert das noch nicht ganz. Die Akzeptanz der bio-ethischen Diskussion in der Gesellschaft wird daher noch drei bis vier Generationen dauern.

Sie verändern durch diese Antenne Ihre Wahrnehmung der Außenwelt, die Antenne ist mit einem Chip verbunden, der Farben in Töne verwandelt. Welchen Beitrag kann Digitalisierung zum Gesundheitswesen leisten?

Ich bin komplett farbenblind und sehe das nicht als Nachteil. Es ist etwas, das ich genieße, nur in Grautönen zu sehen. Daraus ergeben sich Vorteile: Ich sehe besser bei Nacht, ich kann auf längere Strecken besser sehen und mir Formen merken. Mit der Antenne ist es mir möglich, Farben durch einen unabhängigen Sinn wahrzunehmen. Meine Antenne kann man durchaus als Kunstprojekt sehen – aber: alle Projekte, die neue Sinne hinzufügen, haben Konsequenzen auf andere Bereiche, wie die Medizin.

Können Sie das spezifizieren?

Ich kann ultraviolette Strahlung spüren und gehe an einem Tag mit hoher UV-Belastung nicht in die Sonne. Ich bin überzeugt davon, dass durch die Ergänzung des menschlichen Körpers mit neuen Sinnen Krankheiten zwar nicht heilbar, aber Unfälle vermeidbar sind. Ich denke, dass das interessant für die Gesellschaft wäre, da sie auch rapide altert. In einigen Jahrzehnten könnten Ärzte sogar davon sprechen, zusätzlich implantierte Organe in der Präventivmedizin einzusetzen. Ich bin davon überzeugt, dass wir dahingehend in einem Umbruch sind.

Die Vernetzung durch die Digitalisierung drängt uns in neue Lebenswelten. Wie geht es mit dem ‚Cyborgismus‘ weiter? Ist das eine neue Form der Kommunikation?

Ja, sicherlich. Es wird neue Formen der Kommunikation geben, die weiter reichen als die bereits bekannten Kommunikationsformen. Ich werde inspiriert, wenn ich andere Spezies beobachte: Elefanten beispielsweise kommunizieren im Infraschall-Bereich. Durch das Auftreten auf den Boden versenden sie Infraschall-Wellen, die ihre Artgenossen über hunderte Kilometer hören können. Die Infraschall-Wellen ermöglichen es ihnen aber auch, Erdbeben frühzeitig zu erkennen und so aus der Gefahrenzone zu fliehen. Basierend darauf erschufen wir das „Transdentale Kommunikationssystem“.

Es ist ein Zahn in meinem Mund, der einen kleinen Knopf mit einer Vibrationsvorrichtung hat. Moon Ribas, die Mitbegründerin der Cyborg Foundation, ist auch mit dem System ausgestattet. Wenn sie eine Nachricht via Bluetooth erhält, gelangt diese direkt in ihren Mund. Wir kommunizieren durch Morse Code, indem wir mit der Zunge auf den Zahn klicken. Das ist das erste transdentale Kommunikationssystem weltweit und funktioniert auch unter Wasser oder im Weltraum. Das System könnte auch für Menschen mit Behinderung von Nutzen sein oder für Menschen, die ihre Stimmbänder nicht einsetzen können. Die Morse Codes könnten auf ein Smartphone übertragen und von einer App in gesprochene Sprache übersetzt werden.

Sie sagen: Wenn die Akzeptanz von Wearables in der Gesellschaft steigt, werden wir vermehrt auch die Technologie in unsere Körper implantieren. Welche Wirtschaftszweige werden auf den Trend „Cyborg“ aufspringen?

Derzeit betrifft das keine konkreten Wirtschaftszweige, aber 2020 sehe ich eine Entwicklung klar in Richtung „Artificial Senses“. Viele Start-ups beschäftigen sich jetzt mit Künstlicher Intelligenz, aber keiner davon mit künstlichen Sinnen. Wir bieten schon jetzt mit „Cyborg Nest“ ein solches künstliches Sinnsystem an. Es ist ein Chip, der im menschlichen Körper implantiert wird, sodass man die Himmelsrichtung Norden fühlt, wie es auch Tauben oder Haie können. Man bräuchte daher keinen eigenen Kompass mehr und der künstliche Sinn wäre irgendwann mein eigener.

Info zur nextM-Konferenz

Die Zukunftskonferenz nextM will einen Ausblick in die großen Ideen der Welt von Übermorgen geben, in der Mensch und Maschine immer stärker verschmelzen und interagieren. Sie erlaubt einen Blick in die zukünftige Hypervernetzung von digitaler und analoger Welt. Sieben international anerkannte Ideenführer aus Wissenschaft, Forschung und Praxis geben Einblicke in die neuesten Erkenntnisse aus der Zukunftsforschung.

Es geht um Künstliche Intelligenz, Robotik, Digital Manufacturing, Big Data und dem Internet der Dinge. Der Initiator GroupM will für neues Denken begeistern, Austausch entfachen und Exposition gegenüber Konzepten, ursprünglichem Denken und unerwarteten Veränderungsagenden liefern. NextM findet am 23. März 2017 in der Aula der Wissenschaften in Wien statt. 

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