5G und Breitbandmilliarde: Österreich rüstet sich für das Web der Zukunft

Mit 5G sollen selbstfahrende Autos und Roboter-Operationen Realität werden. Doch davor gibt es noch viele Fragen zu klären.

Dieser Artikel ist zuerst in HORIZONT Nr. 38 erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Der unscheinbar wirkende Ausdruck „5G“ mag dem Normalbürger zwar noch nicht viel sagen, unter den Top-Führungskräften der heimischen Telekommunikationsbranche ruft er aber regelrechte Begeisterungsstürme hervor. „Wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen, müssen wir auf das Thema Digitalisierung aktiv zugehen, und dies geht nur mit 5G“, sagt etwa Andreas Bierwirth, CEO von T-Mobile. Ähnliches hört man bei Jan Trionow, CEO von Hutchison Drei Austria: „Bei 5G handelt es sich nicht um eine lineare Weiterentwicklung von 4G, sondern um die zentrale Basisinfrastruktur für ein gesamtheitliches Ökosystem der Zukunft.“ Und A1 Technikvorstand Marcus Grausam betont, 5G werde neuartige, mobile Anwendungen ermöglichen.

Bei 5G handelt es sich um den Mobilfunkstandard der Zukunft, mit dem Datenraten von bis zu 10.000 Mbit/s erreicht werden können – zum Vergleich: Der jüngste Mobilfunkstandard 4G, beziehungsweise LTE, bringt maximal 150 Mbit/s zustande, 3G/UMTS sogar nur 40 Mbit/s. Auch die Latenzzeit – also die Verzögerungszeit, die das Gerät braucht, um auf den Server zuzugreifen – ist bei 5G deutlich kürzer. Wozu wird solch ein Datenturbo gebraucht? Freilich werden für den Einzelnen die Kapazitäten deutlich ausgebaut, so dass künftig zum Beispiel auch Streaming von Videomaterial in Ultra-HD-Qualität kein Problem mehr sein würde – den echten Quantensprung wird es aber im B2B-Bereich geben, wie Bierwirth erläutert: „Das bekannteste Beispiel ist autonomes Fahren, aber auch Fern-Operationen, bei denen der Chirurg das Skalpell ansetzt und ein Roboter im gleichen Moment schneidet“, sagt er: „Bei beiden Beispielen sind Verzögerungen nicht akzeptabel und können im schlimmsten Fall über Leben und Tod entscheiden.“ Trionow nennt auch mögliche Anwendungsbeispiele aus der Energiebranche, wie etwa Smart Meters und intelligente Netze, aus der Bildung (E-Learning und Fernvorträge), aus dem öffentlichen Dienst (öffentliche Sicherheit und Echtzeit-Katastrophenalarm) und nicht zuletzt auch aus der Medien- und Unterhaltungsbranche: durch Virtual- und Augmented Reality, massive Multi-Personen-Videoanrufe und Echtzeitspiele.

Geht es nach den Plänen der EU-Kommission, dann soll jeder EU-Mitgliedsstaat bis 2020 zumindest eine 5G-fähige Großstadt haben, im Jahr 2025 soll es eine lückenlose Versorgung im urbanen Raum geben. Die erste Versteigerungsrunde der für 5G benötigten Frequenzen wird in Österreich im zweiten oder dritten Quartal kommenden Jahres stattfinden. Und genau hier liegt aber der Punkt, an dem sich bei den Marktteilnehmern Unruhe breitmacht.

Erinnerungen an die 4G-Kosten

Denn angesichts der anstehenden Frequenzauktion fühlen sich die Manager an die Versteigerung der 4G-Frequenzen erinnert, an der alle drei Netzbetreiber mitgeboten haben und die schließlich zwei Milliarden Euro einbrachte. „Damit Österreich eine 5G-Vorreiterrolle einnehmen kann, müssen die Rahmenbedingungen stimmen“, sagt Trionow: „Das heißt, die Fehler aus der milliardenteuren Frequenzauktion von 2013 dürfen nicht wiederholt werden.“ Anhand mehrerer Beispiele aus der Vergangenheit könne nachgewiesen werden, dass eine günstige Frequenzvergabe direkte Auswirkungen auf eine gute und rasche Netzabdeckung hat: Zum Beispiel sei Österreich bei 3G Marktführer, während Deutschland aufgrund der sehr teuren 3G-Frequenzvergabe beim 3G-Ausbau stark hinterherhinkte.

Auch Bierwirth befürchtet, dass für die Versteigerung der 5G-Frequenzen dasselbe Auktionsverfahren wie schon bei 4G angewendet werden soll. „Sollte dies so sein, sehe ich ein massives Problem für die digitale Zukunft Österreichs“, sagt Bierwirth: „Die Mobilfunker müssten aufgrund des Auktionsdesigns wieder um ihr Überleben große Summen steigern.“ Bei der letzten Auktion sei Österreich das mit großem Abstand teuerste Land der EU gewesen – „obwohl unsere Preise zu den niedrigsten zählen“, sagt Bierwirth: „Damit wird die Investitionskraft für den Ausbau aus dem Markt gezogen. Wollen wir europaweit am Kuchen der Digitalisierung mitnaschen, muss ein faires Vergabeverfahren eingesetzt werden.“

Wirtschaftsminister Harald Mahrer reagiert auf die Zweifel der Branche mit der Aussage, dass man neue Wertschöpfung und Arbeitsplätze generiere, wenn Österreich bei 5G eine Vorreiterrolle einnehme. „An der Technologie führt kein Weg vorbei. Allerdings sollten wir die Art des Mitteleinsatzes hinterfragen“, sagt Mahrer: „Die frühere Vergabe der Mobilfunkfrequenzen hat dem Staat zwar Geld gebracht, aber künftig sollte der Fokus stärker auf Qualitätskriterien wie Netzabdeckung in Regionen und Tälern liegen.“ Zudem gebe es „eine Vielzahl bürokratischer Hemmnisse, die wir reduzieren könnten beziehungsweise ganz abbauen könnten, um als Pilotland hochattraktiv zu sein“.

Streitpunkt Breitbandmilliarde

Ein Teil der Erlöse aus der Versteigerung der 4G-Frequenzen wird nun auch für die Breitbandmilliarde verwendet, die von der Bundesregierung im Jahr 2014 beschlossen wurde und zum Ziel hat, bis 2020 nahezu alle Haushalte in Österreich mit Breitband zu versorgen – das Ziel sind Geschwindigkeiten von 100 Mbit/s. Unternehmen können sich im Rahmen der Breitbandmilliarde Förderungen für den Ausbau der Infrastruktur holen; bisher wurden 204 Millionen Euro vergeben, der Löwenanteil davon ging an die Telekom Austria.

Grausam betont, dass der Glasfaserausbau vor allem im ländlichen Bereich forciert werden müsse und A1 hier laufend in den Ausbau der Breitband-Infrastruktur investiere: „Die Fördermittel der Breitbandmilliarde des Bundes sind hier wichtig, damit auch ländliche Regionen, in denen ein wirtschaftlicher Ausbau für Unternehmen nicht möglich ist, an die digitale Lebensader angeschlossen werden können,“ sagt er.

Trionow wiederum betont, dass sich die eigenen Befürchtungen bestätigt haben und bisher 80 bis 90 Prozent der Breitbandmilliarde-Förderungen an A1 gingen: „Wir plädieren deshalb dafür, die Förderungen wettbewerbsneutral zu vergeben,“ sagt Trionow. Auch Eric Tveter, CEO von UPC, spricht davon, dass „die bisherige Förderungspraxis zu erheblichen Wettbewerbsverzerrungen geführt hat und die gewünschten Effekte nicht ausreichend eingetreten sind“. UPC fordert ein anbieterneutrales Förderkonzept und spricht sich gegen Wettbewerbsverzerrungen aus, welche – so Tveter – „die Gefahr einer Re-Monopolisierung im ländlichen Raum mit sich bringen“. Dominante Marktpositionen und mangelnder Wettbewerb bedeuten höhere Preise und schlechteres Service für die Bürger, betont Tveter. Vor allem sollen laut Tveter anbieterneutrale Infrastrukturen gefördert werden: „Nur wenn der geförderte Eigentümer der Netzinfrastruktur nicht gleichzeitig der Erbringer der Internet- und Kommunikationsdienste ist, kann ein diskriminierungsfreier Wettbewerb sichergestellt werden“, sagt er: „Gefördert werden sollen neutrale Netzbetreiber, welche jedenfalls kein vertikal integriertes Unternehmen sind. Die Dienstanbieter kaufen dann die Leistungen diskriminierungsfrei von den Netzbetreibern ein.“

Fixes vs. Mobiles Breitband

Stellt sich abschließend noch die Frage, ob der Fokus auf 5G überhaupt gerechtfertigt ist – oder ob fixes Breitband in manchen Situationen nicht den besseren Effekt erzielen könnte. „75 Prozent der Datenverbindungen erfolgen aktuell auf Basis von Mobilfunk. Dieser Trend ist nicht mehr rückgängig zu machen“, sagt dazu Trionow. Der mobile Datenverbrauch vergrößere sich rasant von Jahr zu Jahr – und erzielt schon jetzt beachtliche Geschwindigkeiten: „Während das traditionelle Festnetz Daten mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 10 Mbit/s transportiert, befördert Mobilfunk Daten durchschnittlich mit 35 bis 40 Mbit/s“, sagt Trionow: Der flächendeckende, österreichweite Ausbau von fixem Breitband sei keine Alternative zum mobilen Breitband: Glasfaserausbau koste ein Vielfaches und dauere wesentlich länger, zudem sei das Ausmaß der dafür benötigten Grabungsarbeiten enorm.

Grausam betont zudem, dass Festnetz-Breitband ortsgebunden ist und somit für 5G kein Ersatz sein. „Allerdings ist ein weitverzweigtes Glasfasernetz die technische Voraussetzung für die Realisierung der neuen Mobilfunkgeneration“, sagt Grausam: „Nur mit der Anbindung an das Glasfasernetz erreicht 5G die notwenigen Übertragungskapazitäten.“ Ähnlich sieht dies Tveter von UPC: Ohne die entsprechende fixe Infrastruktur sei der Betrieb von 5G-Antennen nicht sinnvoll – der Ausbau müsse also parallel erfolgen.

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