Wird die Werbung eines Tages gefährlich? (2)

Kommentar von Walter Braun

Gestern hatten wir alle einen ziemlich ähnlichen Blickwinkel auf die Welt, weil sich unsere Informationen aus demselben Fernsehkanal und sehr ähnlichen Zeitungen speisten. Heute dagegen ist die mediale Linse, durch die eine Kulturgemeinschaft die Welt interpretiert, ziemlich verschwommen. Individualisiert sich der Medienkonsum, muss die Werbung zwangsläufig im gleichen ­Fahrwasser folgen, während die Media-Agenturen sich zu Datenspionen weiterentwickeln.
Komplexe mathematische Verfahren werden eingesetzt, um die gewaltige Fülle personenbezogener Daten nach sinnvollen Zusammenhängen zu durchsuchen. So existiert bereits ein Programm, das die Wortwahl von Anrufern in Callcentern analysiert, um daraus den Persönlich­keitstyp ableiten zu können. Die Idee dahinter ist, Beschwerden effizienter begegnen zu können, ­indem die hereinkommenden Anrufe gleich zu Kundenbetreuern weitergeleitet werden, die eine übereinstimmende Persönlichkeit haben.

Diesen Versuchen sind vorläufig wenig technische oder juristische, nur moralische Grenzen ­gesetzt. Angeblich besitzt die CIA ein Verfahren, das erlaubt, das Verhalten von „unberechenbaren Regierungen“ vorhersagen zu können. Da ist es theoretisch nur noch ein Schritt, Verhaltens­muster von Individuen zu bestimmen (was die neue US-Serie „Person of Interest“ gerade fernsehtauglich auszuschlachten versucht). Stellen Sie sich vor, ein Mann jenseits der 40 liegt abends mit seinem Fräulein im Bett, da bimmelt das Handy und eine samtene Stimme sagt: „Wie wär’s mit Viagra?“ Gespenstisch und reichlich unangenehm … aber keineswegs undenkbar. Wissenschafter der Universität Birmingham haben ein mathematisches Modell entwickelt, das den Aufenthaltsort eines Mobiltelefonbenutzers vorhersagen kann. Bewegungsmuster von Freunden (die ebenfalls ein Handy benutzen) erlauben, mögliche Aufenthaltsorte einigermaßen genau abzu­leiten. Man braucht damit nur das Abfragever­halten im Web zu verknüpfen und erhält schon ein ziemlich gutes Bild, was wer wo gerade tut … oder tun wird. Kombiniert mit einer Bonitätsbewertung, lassen sich hier maßgeschneiderte ­Angebote (und individualisierte Preise!) erstellen, ohne dass die Rezipienten dieser Marketingbotschaften eine Ahnung hätten, dass sie auf Herz und Nieren abgeklopft worden sind – nicht länger anonym, sondern persönlich identifiziert.
Wir gehen nichtsahnend durch die Welt, während die Werbung schon gezielt auf uns wartet. Beispiel: Eine verheiratete Person beginnt, allnächtlich Porno-Sites aufzusuchen. Dass sich hier Partnervermittlungsinstitute automatisch dranhängen, ist naheliegend. Was aber wäre, wenn ­parallel dazu das Angebot eines Scheidungs­anwalts hereinflattern würde?

Es ist nicht die Schuld der Werbung, dass die Kommunikationstechnologie allgegenwärtig, ­ungeniert und aufdringlich geworden ist. Aber die Werbung befindet sich heute in einer Situation, wo sie das Verhalten der Online-Medien maßgeblich beeinflusst. Wer sagt der Werbung, wann sie gefährlich wird?

[Walter Braun]

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