Wer will denn schon 'global' leben?
Kommentar von Walter Braun
Unter den Hightech-Aficionados gilt es als ausgemachte Sache, dass Menschen nicht autonom über ihr Verhalten entscheiden, sondern dass technologische Durchbrüche uns vorantreiben. Wenn man so die „Sklaven des Handys“ sieht, könnte was dran sein. Trotzdem werden wir nicht alle instinktiven Bedürfnisse über Bord werfen. Seit den Tagen des „Information Highway“ Anfang der 1990er-Jahre sagen Prognostiker einen neuen Typus „globaler Mensch“ vorher. Wie viele kennen Sie von dieser Sorte?
Nur weil es technisch möglich ist, unverortet in der Digitalsphäre Geschäfte und zwischenmenschliche Kommunikation abzuwickeln, heißt das nicht, dass alle willenlos diesen Pfad entlangtrotten müssen. Wahrscheinlicher ist eine Gegenreaktion in Richtung verstärkte Lokalität. Sollte das ein echter Trend sein, müsste er sich auch medial abbilden. Regionale Tageszeitungen sind im Rückzug; hier besteht eine gewisse Nachrichtenlücke. Trotz anfänglicher Fehlstarts beginnen sich streng lokal begrenzte Angebote (in den USA als „hyperlocal“ bezeichnet) zu etablieren.
In einem nördlichen Stadtteil Londons gibt es das Online-Magazin „The Kentishtowner“. Zwei Journalisten bauten einfach ihren schon existierenden Blog in ein Magazin um, das sich der örtlichen Geschichte, Musikveranstaltungen, Events und Restaurantbesprechungen widmet. Das Startgeld kommt interessanterweise von einer gemeinnützigen Innovationsagentur, die Entwicklungen von Smartphone-Technologien unterstützt. Im Falle des „Kentishtowner“ handelt es sich um eine App, die Leser, wenn sie unterwegs sind, über örtliche Werbeangebote informiert. Genau nach demselben Prinzip sind in Großbritannien zehn Lokalmedien gestartet, die allesamt neue Techniken testen - Videojournalismus, Gutschein-Codes, digitale Treuekarten und so weiter.
Ein ähnlicher Versuch erfolgt im Bereich TV. Die britische Medienaufsichtsbehörde hat im vergangenen Monat 57(!) Bewerbungen erhalten, die sich um 21 Sendelizenzen in größeren und kleineren Städten bemühen. Unter der professionellen Oberfläche erproben Amateure stark lokal begrenzte Online-Nachrichten, die oftmals nur einer einzigen Straße gewidmet sind. Diese Projekte beruhen auf freiwilligen Beiträgen und finanziellen Spenden, und die besten Versuche sind wohl professionell ausbaubar.
Da trifft es sich gut, dass auf dieser Ebene auch unerfüllte Werbebedürfnisse existieren: Lokale Geschäfte suchen lokales Publikum. Wer gut beleumundete Handwerker vor Ort finden will, hat sich längst von den Gelben Seiten und Massen-Sites im Web abgewandt, da deren Auflistungen allzu oft veraltet sind. Als Reaktion darauf hat sich in London unter dem Namen Teddle eine auf Post-Codes hin orientierte Dienstleistungsplattform etabliert. So stellte einer der Gründer fest: „Vielleicht ist es bloß die Wirtschaftskrise, aber wir glauben, dass es einen starken Zug zurück in die lokale Gemeinschaft gibt.“ Einer der Gründe könnte neben dem Bedürfnis nach Relevanz ein Verlangen nach Glaubwürdigkeit sein ...







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