Wenn Lehrlinge Geschichte lernen
Glosse von Sebastian Loudon
Vergangene Woche präsentierten ÖBB und ORF III ein höchst bemerkenswertes Filmprojekt. „Verdrängte Jahre“ ist ein Dokumentarfilm, der die dunklen Jahre der ÖBB – damals Reichsbahn – während der Nazizeit beleuchtet. Das alleine ist aber nicht das Bemerkenswerte, vielmehr die Art und Weise, wie die ÖBB an die Aufarbeitung dieses schrecklichen Kapitels ihrer Unternehmensgeschichte gegangen ist.
Unter den 6.000 ÖBB-Lehrlingen wurde ein Wettbewerb gestartet, sieben kamen letztlich zum Zug und erkundeten die Geschichte der Bahn unter der fachkundigen Leitung des Zeitgeschichtlers Oliver Rathkolb. Der Film – von der ÖBB-Diversity-Beauftragten Traude Kogoj und dem ORF-Dokumentarfilmer Marcus Marschalek – begleitet die sieben bei ihrem Streifzug durch die Archive, bei der Begegnung mit Zeitzeugen, aber auch dabei, wie ihnen selbst das Unbegreifliche dieser Jahre bewusst wurde. Und die Lehrlinge kommen selbst zu Wort, stellen sich die Frage, ob sie auch ihr Leben riskiert hätten, nur um mit einer Halbjüdin verheiratet zu sein oder um einen Kameraden zu decken. Einer von ihnen sagt mit entwaffnender Ehrlichkeit: „Nein, wahrscheinlich hätte ich zu sehr Angst um mein Leben.“
Zur Idee, die eigene Geschichte des Unternehmens durch die Leistungsträger der Zukunft aufarbeiten zu lassen, kann man den ÖBB nur gratulieren. Ebenso kann man dem ORF dankbar dafür sein, dass er den jungen Spartensender dazu nutzt, solche außergewöhnlichen Projekte zu dokumentieren. Anhand der sieben ÖBB-Lehrlinge wird eines offenbar: Es gibt keinen besseren Weg, die Wahnsinnigkeiten der Vergangenheit in Zukunft zu vermeiden, als die Generation von morgen dazu zu bringen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.
[Sebastian Loudon]






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