Jenseits des HORIZONT

Die Zerstörung einer Vision

Mut und Vision. Mutiges Motto der Österreichischen Medientage in mutlosen Zeiten, da Medien versuchen, mit Kraft der desorientierten Verzweiflung einen Paradigmenwechsel herbeizumanagen. Die WAZ hat angekündigt, 20 Prozent einzusparen, vornehmlich bei den Mitarbeitern, die APA will zahlreiche redaktionelle Mitarbeiter abbauen, jeden Tag liest und hört man von einem Medium, das in Zukunft gesundschrumpfen will oder verkauft werden soll, weil es zu wenig Rendite abwirft. Aktien werden getauscht, Organisationsstrukturen verändert. Neue Ertragsfelder müssen her. „Cut and grow“ nennt das vornehm der Aufsichtsratsvorsitzende der Styria, der einen neuen, alerten Geschäftsführer für Presse und WirtschaftsBlatt sowie Styria Media nominiert hatte, und er meint damit: radikaler Jobabbau.

Alle sprechen von redaktionellen Synergien. Alle, das sind vornehmlich die Geschäftsführer und Aktionäre der Medienkonzerne, die zum Großteil aus der Realwirtschaft kommen, nicht aber aus dem Journalistisch-Medialen. Sie aber haben das Sagen. Sie wissen im Sagen nicht, dass sie ihre eigenen Totengräber sind, wenn sie Mitarbeiterabbau verlangen und damit jeglichen Qualitätsanspruch verlassen: „Lasciate ogni speranza.“ Sie haben nichts anderes gelernt. Alles ist Ware, auch der Inhalt, die Idee, die Mission. Und was sich nicht warenfetischisieren lässt, ist schlechtweg uninteressant. Nicht handelbar.

Einige konzentrieren sich, neben dem Ertragsoptimieren durch Personalabbau, darauf, dass sie alle medialen Leistungen und Channels aus einer Hand verlangen - auf das Regionale und Lokale, wie es die WAZ tut. Andere „flüchten“ ins Ausland, um dort neue Felder zu eröffnen, berücksichtigen die kulturellen Hintergründe aber nicht. Wiederum andere sehen den einzig möglichen kommerziellen Erfolg darin, dass sie ihre Marke für unterschiedliche Serviceplattformen vergeben: Aus klassischen Magazinen und TV-Produktionen werden Gebrauchtwagen-, Urlaubs- und Boutiquenplattformen und sonstige Values.

Sie alle, die Sanierer und Geschäftsführer, sind ausschließlich Manager und nicht Kaufleute. Ihre Medienfantasie besteht zu 100 Prozent aus Anzeigen und Clips. Dazu benötigen sie lediglich austauschbare Humanressourcen. Sie unterliegen einem gewaltigen Irrtum: Wenn Idee und Inhalt zum Content, zur Kreierung und zur Ware verkommen, verlieren sie jeglichen Wert und lukrieren irgendwann weder Anzeigen noch Leser. Sie sprechen von Synergien und glauben, ­journalistische Qualität sei austauschbar und erweiterbar. Für sie sind Journalisten und Zeitungsmacher vor allem Content-Macher und Aggregatoren. Und nicht mehr.

In den USA gibt es bereits Support-Agenturen, die automatisierte Texte zusammenstellen; Information, die sich aus ihrem eigenen Fundus erneuert, wird beschwichtigt. Sie lassen in Indien die News für Boston zusammenstellen. Wie verrückt ist eine Medienwelt eigentlich geworden, als Abklatsch des Klatschhaften, die jegliche Regeln außer Kraft setzt und deren ethische Grundsätze verloren zu gehen drohen. Das mag kurzfristig täuschend erfolgreich sein, langfristig ist es lediglich ein Hinausschieben der Apokalypse. Brave neue Welt. Jetzt haben wir sie. Im Zeitalter der maschi­nengesteuerten Medienelektriker. Sie werden bald demaskiert sein. Ihre Fratzen werden sichtbar. Wenn es dann noch Medien gibt. Und Anstand.

[Jenseits des HORIZONT]

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