Jenseits des HORIZONT
Haltet den Dieb...
Der SPÖ-Klubobmann Josef Cap hat zwei interessante Vorschläge und Kommentare entäußert. Er meinte, Kanzler Werner Faymann müsse nicht mehr vor dem Untersuchungsausschuss im Parlament aussagen, da er ohnehin Herrn Wolf im ORF-Sommergespräch Auskunft gegeben habe. Vorladung medial bestanden. Basta.
Gleichzeitig regte er an, der Verfassungsgerichtshof möge Gesetze, die möglicherweise der Verfassung widersprächen, vorab prüfen. Dann erspare man sich gewissermaßen nachher endlose Debatten und das Warten auf Entscheidungen. Da man bei Cap nie sicher sein kann, ob dialektischer Zynismus mitschwingt - eine intellektuelle Reminiszenz an die Jahre, als er wirklich noch Widerstand leistete -, seien seine beiden Aussagen unter Vorbehalt interpretiert. Sie sind strukturell gefährlich. Ersetzen sie doch Demokratie und Parlamentarismus, Legislative und Autonomie der gewählten Abgeordneten durch andere Instanzen. Die vierte Gewalt wird zur ersten. Kontrollorgane werden zu Gestaltungsorganen. Die Urteilsfindung überlässt man anderen. Abdanken. Danke.
In Deutschland ereignet sich - auf anderer Ebene - ähnlich Gefährdendes: die Verfestigung der Fama zur zweiten Wirklichkeit. Gerüchte werden durch offizielle Fragen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu scheinbaren Tatsachen. Die Frau des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, Bettina Wulff, die gerade in einer glänzend inszenierten Rechtfertigungskampagne verbunden mit tränenrührendem Bestseller und tapfer forschem Covergesicht inklusive Schultertattoo die Medien auf sich fokussiert, wird zur Escortdame hochgegoogelt. Medien und Journalisten, Leser und Meinungsbildner verweisen darauf, dass sie nicht ihre eigene Meinung kundtäten, sondern lediglich Aggregationen von Google zitierten. Dort befänden sich die Hinweise zu Hunderttausenden. Google wiederum weist die Urheberschaft an der Fama zurück. Google, so wird naiv postuliert, sammle lediglich laut Algorithmus (den Google übrigens nie offengelegt hat), Suchanfragen und kumuliere sie.
Schuld sind diejenigen, die suchen. Diejenigen, die googeln, argumentieren, dass sie ja nichts dafür könnten: Google bringe sie gewissermaßen automatisch zum Gerücht. Und jeder Suchvorgang verdichte das Gerücht und die damit zusammenhängenden Konnotationen. Fama wird zu dem, was sie anstrebt. Zur tradierten Wahrheit. Suche wird zu dem, was sie sucht: Zur Lösung. Autonomie wird zu dem, was ihr strukturelles Asset ist: zum Widerschein des Freien. Sonst. Getöse in den Medien. Gegenseitige Schuldzuweisungen, die zu noch mehr Spekulationen führen, konsequente Verdrängung des Wahren. Und des Demokratischen.
Das Urteil mögen die anderen treffen, und wenn es „nur“ Maschinen sind, die aggregieren. Oder Logarithmen, die Zusammenhänge zulassen. Oder öffentlich-rechtliche Medienanstalten, die Gerichte ersetzen. Goethes Zauberlehrling und Günther Anders' Antiquiertheit des Menschen werden zu grausamer Realität. Das Totalitäre im Antlitz des Unterhaltenden.







Kommentare
Kommentar eingeben 0 Postings
Kommentar hinzufügen