Jenseits des HORIZONT

Erziehung zur Stummheit ...

Der VÖZ hat eine Kampagne für Kaufzeitungen gestartet. Für das geschriebene Wort. Und für das Lesen. Wissen soll Wert haben. Das ist richtig und gut.

Weltweit können knapp 980 Millionen Menschen weder lesen noch schreiben. In Österreich sind (je nach Schätzung) zehn bis 15 Prozent der Erwachsenen sekundäre Analphabeten. In Deutschland sind die Angaben präziser: 12,7 Millionen können nicht lesen und schreiben. Gleichzeitig steigt die Zahl der Schulabbrecher. Junge Menschen, die ohne Schulbildung in die Gesellschaft entlassen werden. Laut ILO (Internationale Arbeitsorganisation) sinkt die Arbeitslosenrate bei jungen Menschen – allerdings nur scheinbar.

Etwa 15 Prozent der Jugendlichen (in Spanien, Griechenland, Italien, um einige Euro-Länder zu nennen) werden in der Statistik gar nicht erfasst, weil sie sich gar nicht um Arbeit bemüht haben oder bemühen konnten. Sie leben außerhalb der Erwerbs- und Bildungsgesellschaft. Ohne Perspektiven, ohne ­irgendwelche Absicherung. Noch werden die meisten von ihnen von den Eltern versorgt – viele davon sind selbst von Erwerbslosigkeit getroffen. Ein fataler Kreislauf.

Wie Hohn muss es klingen, wenn die EU-Troika für Griechenland die Wiedereinführung der Sechs-Tage-Arbeitswoche verlangt. Im 21. Jahrhundert. Und in Zeiten, da die Arbeitslosigkeit so hoch ist wie nie, die Schattenwirtschaft dominant wie lange nicht. Die Troika fordert. Die Gewerkschaften schreien nicht auf. Kritisieren weder, dass es wohl sinnlos sei, in einem Land mit einer Arbeitslosigkeit von mehr als 20 Prozent (bei Jugendlichen über 40 Prozent) eine artifizielle Sechs-Tage-Woche zu fordern (die natürlich nicht für Beamte gilt, die einen großen Anteil der Beschäftigten in Griechenland ausmachen).

Die Gewerkschaften – und auch die meisten Medien – bleiben stumm. Oder stimmen zu. Was die Troika fordert, ist ein Rückfall in das frühe 20. und späte 19. Jahrundert. Eine deutliche Demontage des Sozialstaates wurde schon lange nicht mehr gefordert. Und das ohne offensichtlichen Widerstand. Man würgt hinunter, was einen ersticken lässt. (Lassalle)

Liest niemand mehr? Steigt mit dem Analphabetismus auch die Mutlosigkeit, die Verzweiflung? Die Resignation? Die Flucht in Soap-Operas, die heile Arzt- und Adelswelten und leidende Prinzessinnen in Endlosserien reproduzieren? Bilderwelten als Opium für die Emarginierten und Menschen ohne Perspektiven. Und die Politik? Sie spricht von Bildungsoffensiven, Integration, verlangt Deutschkenntnisse für Immigranten. Und gibt sich selbst der Lächerlichkeit preis. (Der Prozentsatz der nicht Englisch sprechenden Politiker ist übrigens in keinem OECD-Land so hoch wie in Österreich.)

Der VÖZ hat Recht, lesen ist essenziell. Wenn eine immer größer werdende Zahl von Menschen aber nicht mehr lesen kann, werden auch keine Zeitungen mehr gekauft. Weil Fähigkeiten – und dann auch finanzielle Mittel – fehlen. Wenn es eine fundamentale Krise gibt, dann ist es eine Bildungskrise. Ungerechtigkeit, Ausbeutung und kapitalistische Expropriation kann man nur mit Wissen wirksam bekämpfen. Schließlich gilt immer noch: Das Sein bestimmt das Bewusstsein.

[Jenseits des HORIZONT]

Kommentare

Kommentar eingeben 0 Postings

Kommentar hinzufügen

* Pflichtfelder
Netiquette auf HORIZONT online

Horizont Access

Hier suchen Sie mit einer Anfrage synchron in drei Datenbanken: im HORIZONT Archiv, im Netzwerk von Creative Society und im Werbealmanach online.

Creative Society

Werbealmanach


    Bestseller&TEDx

    Ideen/Innovationen

    HORIZONT jobs©Shutterstock
    HORIZONT Jobs

    DER Stellenmarkt


    Bestseller 3-4/13

    Zum Blättern!


    Medientransparenz

    Daten & Fakten

    Laden im App Store
    HORIZONTplus
    Get it on Google Play
    HORIZONTplus
    Umfrage
    Aktiv bis 18.06.2013
    Umfrageregeln
    Wird es in Cannes Löwen für Österreich geben?

    21.1 %  Nein, aber es wird Shortlistplätze geben

    10.6 %  Nein, auch keine Shortlistplätze

    40.8 %  15 Einreichungen für Lego Stratos. Ja!

    27.5 %  Ja, es wird sogar mehr als einen geben