Glück und Unglück in St. Marx

Editorial von Sebastian Loudon

Es war von Anfang an ein eigenwilliges Unterfangen, schon was den Namen betrifft. Wer kommt schon auf die Idee, einen Ballungsraum für Medienunternehmen – möglichst international, innovativ und kreativ – auf den Namen Media Quarter Marx zu taufen? Das Zielpublikum jenseits der Wiener Stadtgrenzen assoziiert bei „Marx“ jedenfalls ganz sicher nicht jene dem heiligen Markus geweihte Kapelle aus dem 13. Jahrhundert, die dem Stadtteil seinen Namen gab. Vielmehr denkt ein internationaler Geist schon eher an Karl, den Cheftheoretiker des Kommunismus. Des Öfteren, so wird erzählt, soll diese nahe­liegende Assoziation bei Überlegungen über eine Ansiedlung für hochgezogene Augenbrauen gesorgt haben. Ein Blick auf die Website zeigt auch: Von den rund 50 dort angesiedelten Unternehmen ist ein erklecklicher Teil regionalen Ursprungs oder gar direkt oder indirekt der Stadt Wien oder dem Bund zuzuordnen – vom echo medienhaus bis zur Wiener Zeitung. Zusätzlich ist für viele zart besaitete Medienmenschen die Vorstellung, einen Ort zu beziehen, an dem jahrzehntelang Millionen Rinder geschlachtet wurden, keine allzu erquickliche. Wie viele Schamanen müssen wohl durch das Areal fegen, ehe die negative Aura verschwunden ist?

Nun, man kann getrost davon ausgehen, dass es weder der Name St. Marx oder die naheliegende ­Assoziation noch die Seelen der Rinderherden waren, die den ORF schon so lange daran hindern, die für ihn reservierte Fläche bezugsfertig zu machen. Die „ORF-Gstättn“ wie sie von Ortskundigen in St. Marx liebevoll genannt wird, liegt brach und wird auf absehbare Zeit auch nicht von Baggern befahren werden. Die Standortfrage entwickelte sich für ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz zum ­wahren Alptraum. Das Riesentrumm am Küniglberg zerbröselt, ein neuer Standort in St. Marx ist so gut wie unmöglich zu kalkulieren – Widerstand aus der Politik und der Belegschaft bereitet zusätzlich Kopfzerbrechen. Dabei versteht es sich von selbst, dass ein Projekt dieser Größenordnung wie die Umsiedelung de facto nicht genau beziehungsweise in jede Richtung zu berechnen ist. So viele Variablen, so viele Unsicherheiten, was das mediale Arbeiten in fünf Jahren betrifft …

Umso wichtiger ist – oder besser: wäre es gewesen –, eine Vision zu artikulieren, die einen Neubau zwingend notwendig macht. Das hat Alexander Wrabetz verabsäumt. Die Folge: Seit Monaten ist das Tauziehen in der Standortfrage ein echter Eiertanz zwischen ORF-Management und dem Stiftungsrat. Doch nun, so scheint es zumindest, hat der schlaue Fuchs Wrabetz einen Befreiungsschlag geschafft, der ihm zwar nicht die gewünschte Lösung bringt, aber immerhin das leidige Thema einmal vom Hals schafft. Denn, wenn stimmt, was Mitglieder des Stiftungsrates gegenüber dem Standard ­vermuten, dann ist das Thema St. Marx erst einmal auf unbestimmte Zeit zu vergessen. Zuerst soll ­nämlich das Raum- und Funktionskonzept des deutschen Beraters Bert Müller klären, ob ein ORF der Zukunft in einem bis dahin sanierten ORF-Zentrum am Küniglberg überhaupt umsetzbar ist. Müller beriet bereits RTL bei seinem neuen Standort in Köln – eine Provokation für ORF-Zentralbetriebsratschef Gerhard Moser, der seinen Ärger darüber auch lautstark kundtat.

Wie auch immer: Bis Müller sein Konzept vorlegt, vergeht – so der Zeitplan – mindestens ein weiteres Jahr. Mit weiteren vier anberaumten Monaten für die Planungsphase landen wir im Frühjahr 2014 – und schwupps, in der Zwischenzeit ist der ORF-Stiftungsrat turnusmäßig neu zu besetzen oder überhaupt im Gefolge der Nationalratswahl 2013 ein neues ORF-Gesetz unterwegs. Das Thema ist also in Wahrheit erledigt, der ORF wird einstweilen auf dem Küniglberg bleiben, halb in Containern, halb auf einer Baustelle. Und es bleibt zu hoffen, dass man sich wieder wichtigeren Dingen zuwenden kann. In der Zwischenzeit wird in St. Marx gefeiert. Markus Breitenecker, ewiger Herausforderer des ORF und Dorn im Auge eines jeden aufrechten Küniglbergers, hat sich und seinen rund 400 Mitarbeitern im Media ­Quarter Marx ein neues Nest gebaut und zelebrierte Mittwochabend Housewarming und Programmpräsen­tation in einem. Und die ORF-Gstättn? Die bleibt bis auf Weiteres verwaist – eine Brachlandschaft als mahnendes Symbol für die noch ausstehende Vision eines neuen ORF.

[Sebastian Loudon]

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