Die Synergie als Chimäre

Editorial von Hans-Jörgen Manstein

Von Vergebung oder gar Barmherzigkeit war nicht viel zu spüren. Dabei sollten diese beiden göttlichen Tugenden dem Management der Styria aufgrund der Eigentümerstruktur zumindest von der Sonntagsmesse her bekannt sein. War aber nicht so – oder die Herrschaften haben den Katechismus kurzfristig gegen das Handbuch des Kapitalismus aus der Abteilung des Manchester-Liberalismus eingetauscht. Sie setzten zu einem Management-Kahlschlag an, der in der österreichischen Mediengeschichte einzigartig ist: Gleich vier Spitzenleute gingen „freiwillig“.

Weil sie fanden, wie Ex-Chefredakteur Michael Fleischhacker aus dem Nähkästchen aller Entfernten plauderte, „dass … eigene Vorstellungen von der Zukunft und die der Eigentümer nicht genug Gemeinsamkeiten aufwiesen …“. So weit, so platt. Und so vorhersehbar. Spätestens seit das Styria-Management von der Hebung von Synergien zwischen dem WirtschaftsBlatt und der Presse zu schwadronieren begann, war klar, was kommen würde. Und vor allem, was noch kommen wird. Denn es gehört eine gesunde Portion von naivem Optimismus dazu, zu glauben, dass es beim Management-Haircut bleiben wird. Denn was kann die „Hebung von Synergien“ zwischen dem WirtschaftsBlatt (reine Wirtschaftsredaktion) und der Presse (stark besetzte Wirtschaftsredaktion) wohl bedeuten? Und eigentlich kann man sich jetzt schon ausrechnen, auf wessen Kosten das alles gehen wird. Und wie viele arbeitslose Journalisten mittelfristig auf dem freien Markt sein werden. Gut ist diese Situation nicht in einem Land, in dem freie Journalisten von den Einkünften aus ihrer Tätigkeit kaum die Grundbedürfnisse decken können.

Die Frage, die sich stellt, ist: Warum eigentlich gerade jetzt? Dass es mit der Presse nicht zum Besten bestellt ist, kann jeder sehen, der die Daten der Media-Analyse liest. Von 2003 bis 2011 hat das bürgerliche Flaggschiff-Blatt demnach ein Drittel seiner Leserschaft auf der Strecke gelassen. Jetzt so zu tun, als hätte man das eben erst bemerkt, wäre beste Pharisäer-Tradition. Gleiches gilt für die wirtschaftliche Situation der Sonntagsausgabe der Presse. Dass man in einem Land, dessen Anspruch der Medienqualität in überwältigender Mehrheit von den Bildungsprodukten Kronen Zeitung, Heute und Österreich abgedeckt wird, mit dem – im Übrigen wirklich gut gemachten – Sonntagsprodukt der Presse keinen Blumentopf gewinnen kann, mussten die Verantwortlichen von allem Anfang an wissen. Wissen musste man auch, dass der Kauf des WirtschaftsBlattes einen strategischen Hintergrund hatte. Jetzt so zu tun, als hätte das Management das alles versemmelt, ist grob unfair gegen Fleischhacker, Gmeinbauer, Gasser und Co. Sicher, auch diese hätten rechtzeitig um die Betätigung der Notbremse nachsuchen können – aber aus der Verantwortung können sich die Oberen der Styria sicherlich nicht durch einen Schnitt beim Management stehlen.

Über den neuen Chef der Presse titelte die Wiener Wochenzeitung Falter vor Kurzem: „Der talentierte Herr Tillian“. Ob nun Tillian daher der beinharte Restrukturierer ist, der alles auf Erfolgskurs trimmt (sinngemäß Horizont 32/2012), wird abzuwarten sein.
Ähnlich schwer verständlich ist auch die Kür Rainer Novaks. Gewiss, die Sonntags-Presse hat er journalistisch ausgezeichnet gemacht. Aber dass er als Chefredakteur von der wirtschaftlichen Gestion nichts mitbekommen hat, ist schwer zu glauben. Da er diese Position besetzte, kann das nur ­bedeuten, dass er sie mittrug und daher ebenso mitzuverantworten hat wie Fleischhacker.

Nun drängt sich daher der Verdacht auf, dass jemand gesucht und gefunden wurde, der den ­Eigentümerwillen durchsetzt. Ähnliches gilt für das WirtschaftsBlatt, wo sich die Frage aufdrängt, ob Esther Mitterstieler in enger Abstimmung mit Tillian (und selbstverständlich auch Herwig Lang­anger) nicht mehr oder weniger zur Verwalterin des Produktes werden wird. Bei derart massiven ­Eingriffen im Stil des Frühkapitalismus stellt sich daher zwangsläufig die Frage:
Wer wird der Nächste sein?

[Hans-Jörgen Manstein]

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