Die Kirche im Dorf lassen

Editorial von Dagmar Lang

In die Medientage-Diskussion, ob sich die heimischen Journalisten und die Entscheidungs­träger in Politik und Wirtschaft zu nahe sind, warf Wolfgang Fellner aus heiterem Himmel ein, man lasse sich in Zukunft auch nicht mehr einladen. So cancelte der Verleger von der Bühne alle Pressereisen der Mediengruppe Österreich. Den anderen Diskutanten blieb kurz der Mund offen, denn Pressereisen sind zwar weniger geworden, tragen aber nach wie vor wesentlich zur Reisebudgetentlastung der Verlage bei.

Eingeladen wird auch von Unternehmen, die selbst über so strenge Compliance-Regeln verfügen, dass man mit den Managern nur noch auf einen Kaffee gehen kann, weil schon ein Lunch das Limit sprengen würde. In solchen Unternehmen überlegt man schon seit geraumer Zeit, wie man mit dem Thema Pressereisen umgehen soll. Einerseits bringen ­solche Veranstaltungen ein enorm breites redaktionelles Echo, andererseits will man sich auf keinen Fall der Bestechung bezichtigen lassen.

Horizont-Recherchen ergaben, dass Programm und Inhalt in vielen Fällen von Rechtsanwälten auf ihre Compliance-Kompatibilität geprüft werden. Andere ­wiederum schalten eine PR-Agentur dazwischen, die offiziell einlädt, was eigentlich eine glatte Augenauswischerei ist. Vergleicht man Pressereiseprogramme von heute mit jenen von vor 15 Jahren, so stellen sie sich heute deutlich abgespeckter dar. Ließ früher eine asiatische Airline anlässlich ihres Firmenjubiläums Hunderte Journalisten in der Business Class einfliegen und eine Woche lang in Singapur feiern, gibt es heute drei Tage Bangkok in der Eco mit einem dicht gedrängten Besichtigungsprogramm, fünf Hotels und deren verschiedene Zimmertypen inklusive.

Ein Verzicht auf Presseeinladungen hieße allerdings das Ende jeder Reiseberichterstattung, da sich die Verlage die Kostenübernahme schlicht und einfach nicht leisten könnten, schon gar nicht in so volatilen Zeiten wie diesen. Was es für die ­Qualität der Geschichten bedeutet, wenn wir über Destinationen schreiben, die wir nur von der DVD und aus dem Internet kennen, kann man sich ganz gut vorstellen.

Auch die gelebte Praxis, dass sich die Verlage jetzt an den Reisekosten für Staatsbesuche in fernen Ländern beteiligen, mag zwar ein Beitrag zur Budgetsanierung sein, mehr aber nicht. Nicht die Frage, wer die Reise bezahlt, sondern wie nahe sich Journalist und Politiker auf einer solchen kommen und wie sehr das den Journalisten in seiner künftigen Berichterstattung beeinflusst, ist entscheidend.

Ohne jemals mit einem Journalisten auf Urlaub gewesen zu sein, war Bruno Kreisky ein genialer Mediennetzwerker. Er stellte mit einer ganzen Generation von innenpolitischen Journalisten allein mit der „Das ­erzähle ich jetzt aber nur Ihnen“-Vertrautheit ein Naheverhältnis her.

Wir sollten daher die Kirche im Dorf lassen. Fachlich fundierte Pressereisen können zur Horizont­erweiterung der Journalisten beitragen; ein verantwortungsvoller Umgang von beiden Seiten vorausgesetzt, müssen sie nicht zur Distanzvernichtung führen. Das gilt für Produktvorstellungen ebenso wie für eine Einladung zu einer Wirtschaftsdelegationsreise.

[Dagmar Lang]

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