Das Medium Buch in neuer Hochform

Kommentar von Walter Braun

„Desktop-Publishing“ kam Mitte der 1980er-Jahre auf und verursachte viel Aufregung: Jeder könne nun, so die Verheißung, sein eigener Verleger werden. Es dauerte ein Vierteljahrhundert, bis aus der Vision nun allmählich Wirklichkeit wird. Das Nadelöhr war nämlich nicht so sehr der Preis des Druckens, sondern der teure Vertrieb via Buchhandel. Nicht länger. Dank E-Buch und Zwergencomputer (Smartphone, Tablet, E-Reader) wird 2012 in die Geschichte des Buches vermutlich als das herausragendste Jahr seit Erfindung des maschinellen Buchdrucks eingehen. Nicht der Zugang zu einem billigen Laserdrucker, sondern digitale Inhalte und eine globale Vertriebsmaschinerie namens Internet haben Autoren neuen Auftrieb gegeben.

Der Erotikschinken „Fifty Shades of Grey“ – größter Bucherfolg seit der „Harry Potter“-Serie – hatte seine Existenz im Web begonnen, sich dann zu ­einem E-Book ausgeweitet, ehe die gedruckte Ausgabe einen weltweiten Bestseller daraus machte. Marketing-Guru Seth Godin veröffentlichte im Sommer sein jüngstes Werk und bat interessierte Leser um eine milde Gabe. Zweck der Übung: Herauszufinden, was gut genug ankommt, um eine ­gedruckte Ausgabe nachzuschieben. ­Godin hatte das mit seinem Verleger vereinbarte Spendenumsatzziel binnen zwei Stunden erreicht.

Dieses Modell – Bücher zuerst in Digitalform zu erproben, bevor handfeste Versionen auf den Markt kommen – ist nicht auf Betreiben der Verlage hin entstanden. Dennoch waren bei der kürzlich zu Ende gegangenen Buchmesse in Frankfurt die traditionellen Verleger ganz scharf darauf, die Rechte von selbst publizierten Erfolgstiteln aufzukaufen. Der Grund ist klar: Von den heurigen Bestsellern auf Amazons Lesegerät Kindle waren 30 Prozent (!) von Autoren selbst verlegte Werke. Die rasante Ausbreitung von elektronischen Lesegeräten wird also dem gedruckten Buch ein wenig das Wasser ab­graben. Amazon UK hat diesen Sommer bekannt gegeben, dass man in Großbritannien erstmals mehr herunterladbare E-Bücher verkauft habe als Taschen- und gebundene Bücher zusammengenommen.

Offensichtlich ist das E-Buch ein globales Phänomen, da auch aus Indien, Australien und den USA ähnliche Marktnachrichten kommen; die einzigen großen Märkte mit „digitaler Verzögerung“ sind Japan (unerwartet) und Frankreich (nicht unerwartet). Was wichtiger ist: Das digitale Buch verdrängt Print nicht komplett, sondern vergrößert den Markt; in den USA hat zwischen 2002 und 2011 die Zahl der ISBN-Anmeldungen um 61 Prozent zugenommen.

Im Anmarsch ist nun ein völlig neuer Buchtyp, nämlich in Form von aufwändigen Apps. Großen Erfolg hat das lange Gedicht „The Waste Land“ von T. S. Eliot, das man lesen oder anhören oder als Bühnenversion ansehen kann. Eine Sammlung der Anatomiezeichnungen von Leonardo da Vinci (Touch Press) wiederum ist mit netten optischen Effekten ausgestattet. Hier steht das Tor für kreative Ideen offen – vom animierten Kinderbuch bis zur hochgeistigen Literatur versehen mit Spezialistenerläuterungen. Es darf gelesen werden!

[Walter Braun]

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