Die Wut vom Lande

Editorial von Philipp Wilhelmer

Die Republik hat eine Kampagne mehr. Besser gesagt: den Versuch einer solchen. Weil die Regierungsparteien den U-Ausschuss mit aller Macht torpedierten und den Kanzler mit fragwürdigen Manövern davor zu bewahren versuchten, im Parlament Rechenschaft über die sogenannte Inseratenaffäre abzulegen, regte sich Widerstand im Blätterwald: Wenn Faymann nicht aussage, werde es „publizistischen Widerstand“ geben, kündigte die sonst vornehm zurückhaltende alte Tante Die Presse daraufhin an. Begleittext: Mehrere Zeitungen hätten sich informell darauf verständigt, die Verweigerung des U-Ausschusses zum Thema zu machen, sozusagen als Gegengewicht zum Boulevard, der naturgemäß und wohl aus Eigeninteresse in dieser Sache ausnahmsweise mal gar keinen Skandal wittern will.

Die Revolution blieb aus. Einzig die „Kleine Zeitung“, dem Vernehmen nach im Nukleus der aufständischen Medienmacher, titelte zornig: „Lasst den Ausschuss weiterarbeiten“. Sie widmete dem Thema mehrere Seiten mit prominenten Wutbürgern und einen Leitartikel. Die „Presse“ gab sich etwas ruhiger und hob das Anliegen auf den oberen Rand der Aufmacherseite. Ansonsten wurde geschrieben, was ohnehin zu schreiben war: „Kurier“-Chefredakteur Helmut Brandstätter berichtete wahrheitsgemäß von einem „unwürdigen Schauspiel“, Andreas Koller von den „Salzburger Nachrichten“ warnte gewohnt weitsichtig vor einer „langfristigen Wählervertreibung“. So weit, so harmlos, so wenig Kampagne.

Der Grund: Die ursprünglich geplanten journalistischen Kampfmaßnahmen waren gar nicht richtig in Gang gekommen, weil man sich nicht einig wurde, wie vorzugehen sei. So machte ein Plan die Runde, mit gemeinsamen Titelzeilen zu erscheinen, der aber von Protagonisten eilig in die Schublade gesteckt wurde. Auch die „Alpenmafia“, so lautet die Selbstbezeichnung für den informellen Schulterschluss mehrerer Bundesländerzeitungen, hatte den Start verschlafen.

Dabei hätten gerade die Länderzeitungen eine mediale Front gebildet, die auch der abgebrühtesten Politikerseele Respekt einflößt: Schon am Beginn der Inseratenaffäre standen die Bundesländerzeitungen, die im September des Vorjahres das Feuerchen um die Jahre alten ÖBB- und Asfinag-Anzeigen aus Faymanns Verkehrsministerzeit mit konzertierten Enthüllungen zum Lodern gebracht hatten. Die Folge war jene Anzeige von FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky, wegen der die staatsanwaltlichen Ermittlungen erst eingeleitet wurden. Die Wut vom Lande hatte sich zu einer Faust geballt.

Dass die Bundesländerzeitungen ihr mediales Kampfgewicht in dieser Frage gern in die Waagschale werfen, hat allerdings nicht nur mit der Sorge um Demokratie und Gemeinwohl zu tun. Dies hängt vielmehr damit zusammen, dass mit den roten Inseratenorgien im Wiener Boulevard eigene Geschäfts­interessen berührt waren. Umso süffisanter erzählt man sich in Wiener Kreisen, das lose Chefredakteurskonglomerat habe bei diversen Terminen mit der Politik auch wenig subtil darauf verwiesen, wie wichtig die Werbewirkung der Zeitungen im Westen und Süden ist.

Darüber hinaus muss die Frage erneuert werden, inwieweit Kampagnen ein journalistisch lauterer Weg sind, um auf Missstände hinzuweisen. Schließlich rechnet man diese Methode vor allem jenen Medien zu, deren Seriosität indirekt proportional zur Auflagenstärke steht. Ob sich Qualitätsblätter wie die Presse oder eine gediegene Bundesländerzeitung wie die Kleine in dieses Fahrwasser begeben möchten, sollten sich deren Redaktionen gut überlegen. Wer Kampagnen will, geht ohnehin lieber zum Schmied Boulevard. Und mit kleinlichem Aktionismus hat man noch keine ­Bürger zur Mündigkeit erzogen.

Apropos mündig: Die Wellen gingen in den einschlägigen Social-Media-Kanälen am Mittwoch hoch, als bekannt wurde, dass Faymann weiter nicht vor dem Ausschuss auftauchen wird. Eine eilig organisierte Demonstration mit Teilnehmern aus der Medienszene fand sich vor dem Parlament ein, um zu protestieren. Alpenmafia hin oder her: Der Gegenwind wird stärker.

[Philipp Wilhelmer]

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