Wer will schon Qualität?

Alle Welt diskutiert über Qualitätsmedien, oder besser über ihre Finanzierung, über den Verfall der Medienmoral und deren Gefahr für die Demokratie.

Alle Welt diskutiert über Qualitätsmedien, oder besser über ihre Finanzierung, über den Verfall der Medienmoral und deren Gefahr für die Demokratie. Verfechter wie der Schweizer Medienforscher Prof. Kurt Imhof will Qualitätsmedien gleich ganz den Gesetzen von Angebot und Nachfrage entziehen und sie unter die Glasglocke der wissenschaftsgetriebenen Stiftungsfinanzierung stecken (siehe HORIZONT Nr. 15) – damit die Qualität gewahrt bleibt.

Die erste Frage, die sich stellen würde, wäre: Wer würde hier definieren, was genau Qualität ist? Die zweite: wer will überhaupt Qualität? Qualitätsdebatten haben meist einen unangenehmen Nebengeschmack – die Zwangsbeglückung. Nicolas Sarkozy investiert Hunderte von Millionen, damit jeder junge Franzose ein Gratisabo einer Qualitätszeitung vom Staat geschenkt bekommt – in der Hoffnung, dass er es liest und später kauft. Denn das tragfähigste Finanzierungsmodell von allen ist der Kauf, die Nachfrage. Wollen die Leute das Medium haben, werden sie dafür zahlen. Dabei ist es egal, ob er es in Zukunft via Web oder via Papier konsumieren will, Hauptsache, er zahlt.

Ist ihm die Qualität jedoch die Euro nicht wert, würde er sich der vermeintlichen Qualitätszeitung auch geschenkt nicht mit Inbrunst widmen. Die werbefinanzierten Reichweiten-Medien entziehen sich ja bereits genau dieser harten Währung des Kaufs, sprich der Nachfrage des Konsumenten. Nachfrage nach Qualität schüren Qualität hatte jedoch noch nie Reichweite, nicht im TV, nicht im Print, nicht im Radio. Der Präsident des Privat-TV-Verbandes Jürgen Doetz meinte einst: „Was regt ihr euch alle auf über das Trash-Programm der Privaten? Die zeigen nur das, was die Leute sehen wollen. Jede Gesellschaft kriegt das TV-Programm, das sie verdient.“Und wenn unsere Gesellschaft in Zukunft keine Qualitätsmedien mehr kaufen will – dann heißt das nichts anderes, als dass diese Gesellschaft kein Interesse mehr an diesen hat. Und sich lieber mit „Heute“ und Twitter-Fetzen aus dem eigenen Dunstkreis begnügt.

Eine schlimme Vorstellung aus heutiger Sicht. Aber um das abzuwenden, gilt es doch nicht über Subventionierungsmodelle für Qualitätsmedien nachzudenken, um sie gegen die sinkende Nachfrage am Leben zu halten. Vielmehr gilt es doch, die Nachfrage nach Qualität zu schüren – wobei wir wieder bei der viel zitierten Bildung als Ausgangspunkt wären. Es könnte aber auch sein, dass sich Qualität in Zukunft nur anders darstellen muss? Vielleicht eben nicht über zwar sachlich-faktisch einwandfreie, aber todlangweilige Bleiwüstengeschichten. Qualität hat oft den Haugout des Spröden, Trockenen, Schwierigen. Warum kann Qualität nicht luftig, locker, gefällig daherkommen? Wobei Gefällig von gefallen kommt – und zwar nicht der Politik oder den Anzeigenkunden, sondern dem Leser!!!

Das wäre doch nur eine Frage der Aufbereitung, der Veredelung. Vorausgesetzt, Parameter wie Recherche, Bildung, Know-how bleiben auf Journalismusseite im Hintergrund bestehen. Man kann den Menschen demokratiepolitisch wichtige Dinge so darbieten, dass diese sie auch konsumieren wollen. Kurt Imhof kritisierte zwar die zunehmende Emotionalisierung in den Medien, aber was macht denn die Stickyness an Facebook aus? Es sind die feinen zwischenmenschlichen Töne, die Emotionen, das Private, das Menschliche –und das hat mit Boulevard noch sehr lange nichts zu tun. Heute erst erzählte mir eine junge Twitterista, dass ihre Twitter-Bekanntschaften alle kritische Menschen sind – also keine Demokratiegefährdenden Dummbatzen. Und dass sie sich wünschen würde, dass Social-Media einen „menschlicheren Journalismus“ hervorbringen würde. Dann klappt’s vielleicht wieder mit der Nachfrage und mit den Einkünften.

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