Prost – mit Hirter Bier!

Der österreichische Werberat kann sich über mangelnde Arbeit nicht beklagen.

Schon gar nicht – wie in anderer Sache, Stichwort bet-at-home vom Autor dieser Zeilen – über Zurufe, Aufforderungen oder schlichte Vor-Wertungen von Dritten. Wer sich die Mühe macht, die auf der sehr informativen Website www.werberat.at aufgelisteten Argumentationen zu unterschiedlichsten Sujets und Kampagnen Revue passieren zu lassen, kann ahnen, was das rund 90-köpfige Gremium so alles an Beschwerden einordnen muss. 

Besonders heiß wird es dann, wennnicht Einzelpersonen ihrer (vermeintlichen, begründeten, emotionalen, rationalen – aber immer subjektiven) Meinung über Sinn und Unsinn, über Statthaftigkeit oder Grenzüberschreitung eines Werbesujets Ausdruck verleihen, sondern Pressure-Groups, die – allfällige – Entscheidung des Werberats zu präjudizieren suchen. Also: Hirter Bier. Die Wiener SPÖ-Frauen wollten sofort Massen-Mails schicken und instruierten gleich mal die Medien, was für ein sexistischer Unfug da auf einigen tausend Plakatwänden affichiert sei. Und in Graz thematisierte die „Unabhängige Frauenbeauftragte der Stadt Graz“ in Beiträgen die Diskriminierung des weiblichen Körpers und damit der Frau im Zusammenhang mit schnöder Bier-Werbung. 

Werberat-Präsident Michael Straberger meldete sich vor einer Begutachtung der Beschwerden zu Wort: nicht die Zahl der Beschwerden, ihre Argumentation zähle. Höhepunkt und vorläufiger Schlusspunkt des Spektakels: ein Bericht im „ORF Report“am 6. Juli, unter dem Titel „sexy Werbung“anmoderiert. Und da zeigte sich Erstaunliches: Ein entspannter, aber konzentriert argumentierender Geschäftsführer, Dietmar Kert, und Hirter-Bier-Marketingleiterin Caroline Kröp , eine die Kampagnen-Idee beschreibende Art-Direktorin der betreuenden Agentur Upper Cut, Klagenfurt, Michaela Ebner, eine energische Sybille Hamann als Gegnerin, eine abwägend formulierende Grazer Frauenbeauftragte Maggie Jansenberger. 

Natürlichblieb als Sukkus „sex sells“ (samt Widerspruch) hängen. Und warum Werbung nicht „kreativer sein kann“. Und … Das  Thema Sexismus ist zu ernst, um Wahlkampf-Aufwärmrunden geopfert zu werden. Es taugt auch nicht fürs Sommerloch-Füllen. Es ist aber wichtig, dass jenseits von Gremien und Statuten und Selbstverpflichtungen ein Diskurs geführt wird. In diesem Fall haben alle Beteiligten den Diskurs geführt (sich gestellt) – ein Stück „Sensibilisierung“ vorgetragen. Werbung perse – auch wenn ein Grenzfall wie bei Hirter – kann nichts Besseres passieren. 

Den Werbern und ihren Auftraggebern aber sei geraten, sich  fit zu machen: Die interessierte Öffentlichkeit wird immer öfter und immer deutlicher gute Begründungen für mögliche Grenzüberschreitungen  finden. Deshalb, Sommerlektüre: Der Kodex unter www.werberat.at – und zum Warmlaufen www.watchgroup-sexismus.at. Lohnend! 

[Herwig Stindl]

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