Lothar Späth: „Keine europäische Medienpolitik mehr“

Mit „einigen unfrisierten Gedanken zum Thema“ lieferte der Baden-Württembergsche Ministerpräsident a. D. Dr. Lothar Späth einen zündenden Auftakt zu den österreichischen Medientagen.

Mit „einigen unfrisierten Gedanken zum Thema“ lieferte der Baden-Württembergsche Ministerpräsident a. D. Dr. Lothar Späth einen zündenden Auftakt zu den österreichischen Medientagen.<STOP Eines stellte Späth vorweg klar: „Die Globalisierung ist kein Kind von Export oder Import, sondern ein Kind der Kommunikation.“ Und eben für den Umgang mit dieser Kommunikation zeichnet Späth Trends, die „derzeit vielleicht noch schwer vorstellbar sind.“<P>

Späth: „Ich weiß, dass es noch zwei bis drei Jahre dauern wird, dann kann ich mir Nachrichten abhören, wann und von welchem Sender ich will.“ „Es wird keine Ausgewogenheit des Programmes mehr geben. Der Konsument wird sich seine Ausgewogenheit selbst schaffen, indem er sich runterlädt, was ihn interessiert“, lautet die Konsequenz, die Späth daraus für die Medienlandschaft zieht. Der Markt werde dementsprechend nur mehr durch Wettbewerb zu regulieren sein, die öffentlich-rechtlichen Sender werden selbst die Frage stellen, wozu sie Grundversorgung noch leisten müssen.

Eine europäische Medienpolitik wird es laut Späth als Folge der totalen Verflechtung von Informationssystemen in Zukunft ebensowenig geben, wie eine europäische Wirtschaftspolitik. Die Frage der Zukunft bestehe vielmehr darin, ein gemeinsames Wertesystem zu finden. Denn es werde nur mehr ein „kulturelles, kein ökonomisches Europa mehr geben.“ Der Ministerpräsident a.D. spart auch nicht mit Kritik an der starken Verbürokratisierung des Europäischen Parlaments. Europa müsse aufpassen, nicht „Schiedsrichter der Welt zu werden, für dessen Schiedssprüche sich niemand interessiert.“ Die europäischen Medienkonzerne seien vor allem gefordert stärker in Dienstleistungskategorien zu denken. Späth: „Ein deutscher Ingenieur haßt seinen Kunden, weil der immer alles anders fordert, als er es für ihn vorgesehen hat. Genau das ist auch das Problem der öffentlich-rechtlichen Sender. Ein amerikanischer Ingenieur denkt ganz anders. Der hält es vielleicht für Schwachsinn, was sein Kunde von ihm will, aber er macht es, nachdem er sich erkundigt hat, ob der Kunde zahlungsfähig ist.“ Die Marktgetriebenheit sei das eigentliche Thema der Globalisierung, so Späth.

Dass die Zahl der Zeitungsleser trotz aller neuer Informationssysteme weiterbestehen werde, belegt Späth – leicht zynisch – mit einem ganz alltäglichen Erlebnis: „Als ich von München nach Wien flog, mußte ich mein Handy und meinen Communicator abschalten. Als ich dann hilflos in einer Ecke saß, blieb mir nichts anderes übrig, als eben eine Zeitung zur Hand zu nehmen.“ (juju)

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