Leserbrief von...

...Professor Leopold Springinsfeld.

Lieber Hans-Jörgen!

Ich schreibe diese Zeilen als begeisterter Leser Deiner HORIZONT-„Erinnerung“ und als Nichtleser der „Kronen Zeitung“ von Anfang an, frage mich aber dennoch, ob wir nicht alle – H. J. Manstein (seinen Beitrag finden Sie hier) ebenso wie „Die Zeit“ – in eine Denkfalle gestolpert sind. Dichands Story unter der Überschrift „Ein starker Kopf“ ist nur die eine Seite der Geschichte.

Im Übrigen: Angesichts der schwachen und immer schwächer werdenden Parteienköpfe im Lande konnte er dieses Match in jeder beliebigen Runde nur beliebig hoch gewinnen und auch noch selber an diese seine Siege glauben. Zur Erfolgsgeschichte der „Krone“ haben aber viele und vieles beigetragen – vor, neben und jenseits von H. D. Allem voraus vermutlich dieses: Die „Krone“ ist der weitaus stärkste Spieler im öffentlichen Gespräch dieses Landes. Das öffentliche Gespräch jedes Landes sollte Themata des Gemeinwesens zum Gegenstand haben. Diese gibt es aber hierzulande nicht – jedenfalls nicht im öffentlichen Gespräch.

Politische Materien werden hierzulande von Politikerbeamten geplant und durchgeführt, ohne dass die Bürgerschaft weiß, ob in der bestmöglichen Prioritätenordnung und zu den bestmöglichen Kosten für das Gemeinwesen. Anstelle der Themata des Gemeinwesens im öffentlichen Gespräch geht es dort – kompensatorisch – um xbeliebige Tagesmeinungen, in Wahrheit um Luftblasen. Auch unter diesem Aspekt steht den mit einiger Sicherheit auszumachenden Meinungskonstanten auf der Seite der „Krone“ ein ständig neu gemischtes Meinungsfrikassee auf der Gegenseite des obendrein auch noch ständig wechselnden parteipolitischen Personals gegenüber. Auch dieses Match konnte die „Krone“ in jeder beliebigen Runde nur beliebig hoch gewinnen.

Ja, es ist sogar hochwahrscheinlich, dass die Erfolgsgeschichte der „Krone“ nur unter den besonderen Bedingungen des öffentlichen Gesprächs hierzulande möglich war, von denen folgende drei die wichtigsten sein dürften: Illusionen bis Desinteresse in Sachen Politik, stattdessen – kompensatorisch – die ungehemmte Lust am Anstechen und Zerplatzen öffentlicher Luftblasen in der Hauptmasse der Bevölkerung und eine bis zum Point of No Return, jenseits der Bürgerschaft hermetisierte, Herrschaftspraxis einer Kaste von Politikerbeamten auf allen Ebenen. Drei Ansatzflächen für Gegenstrategien. Eine trivialer als die andere. Jede aber anspruchsvoll in der Umsetzung.

Dein Leopold Springinsfeld
Professor Leopold Springinsfeld war langjährigerMarketing-Manager der Henkel-Austria-Gruppeund Lektor am Institut für Absatzwirtschaft derWirtschaftsuniversität Wien

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