Jenseits des HORIZONT

Die Bildung muss leider draußen bleiben

„Deutsch vor Zuzug“. Das ist die Headline eines aktuellen Inserates des Bundesinnenministeriums. Zuerst Deutsch. Dann Einreisen. Ein gutes Signal. Mit Erfolg und sprachlicher Urgewalt versucht die Regierung, den rechtspopulistischen HC alias Kickl nochmals rechts zu überholen. Sie beschließt ein neues Ausländer-und Einwanderungsgesetz. Verankert parallel dazu die Austrian Red Card, um intelligente, gebildete, brauchbare ausländische Arbeitskräfte nach Österreich zu locken.

Wirtschaft geht vor Gesellschaft. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Doch wie Gegenwart und Geschichte es so wollen: Die Guten wollen nicht kommen, die Schlechten drängen herein. Deutsch lernen, heißt die Drohung. Und das im Jahr 2011, in einem Europa, das sich seiner Sprachvielfalt rühmt, die Diversität propagiert und die Mobilitätsfreiheit verankert hat. In einem Europa, dessen demografische Entwicklung besorgniserregend ist. Ohne Zuwanderung drohen Überalterung und innovativer Kollaps. Deutsch vor Zuzug. Das Boot ist voll.

Vor knapp 80 Jahren gab es schon einmal ähnliche Einreisehemmnisse, „Tausendmarksperre“ genannt. Wer nach Österreich wollte, musste zunächst einmal zahlen. Zum Leidwesen des Tourismus. Zur Befeuerung des Nationalen Lagers. Die darauf folgenden Ereignisse sind bekannt. Und hoffentlich im kollektiven Gedächtnis verankert.

Zum Verständnis: Es ist sinnvoll, dass Menschen, die in Österreich leben, der deutschen Sprache mächtig sind. Das gilt für Ausländer, die einwandern wollen, aber auch für Hunderttausende Kids, die in schwierigen sozialen Verhältnissen aufwachsen, gleichgültig, ob mit migrantischem Hintergrund oder nicht. Das gilt auch für die knapp zehn Prozent sekundärer Analphabeten, die in Österreich aus dem gesellschaftlichen und informationsorientierten Leben ausgegrenzt sind. Es gilt selbstverständlich auch für alle Boulevard- und sonstigen Medien, deren Repräsentanten und Redakteure die deutsche Sprache offensichtlich nicht beherrschen. Das gilt auch für den Präsidenten des VÖZ (Verband öffentlicher Zentralbelanglosigkeiten), der „scheinbar“ mit „anscheinend“ verwechselt und damit das Gegenteil dessen aussagt, was er intendiert (in seiner Attacke gegen den ORF). Wobei gilt: Gut gemeint ist halt nicht gut. Es gilt aber vor allem für öffentliche Institutionen. Das Innenministerium sollte wissen, dass Sprache verletzen kann. Dass Sprache verräterisch ist und entblößt. Sprachaggression ist der erste Schritt zur Legitimierung von Gewalt.

Österreich muss sich nicht wundern, dass intellektuelle Exzellenz und wissenschaftliche Eliten nicht gerne in unser Land kommen, um hier zu arbeiten oder zu forschen. Österreich muss sich nicht wundern, dass es international isoliert ist und keine Rolle mehr spielt. Die Zeiten, in denen Österreichs Politik Persönlichkeiten hatte, die „zu groß für das kleine Land“ waren, sind vorbei. Heute reicht es nicht einmal mehr für die Besetzung von internationalen Funktionen in der zweiten oder dritten Reihe. Österreich spielt keine Geige mehr. Das dürfen international nur mehr die Philharmoniker. Also Deutsch vor Zuzug. Deutsch über alles. Selbst über die eigene Sprachunfähigkeit. Salve. 

Jenseits des HORIZONT

Horizont Access

Hier suchen Sie mit einer Anfrage synchron in drei Datenbanken: im HORIZONT Archiv, im Netzwerk von Creative Society und im Werbealmanach online.

Creative Society

Werbealmanach

    Kommentare

    Kommentar eingeben 0 Postings

    Kommentar hinzufügen

    * Pflichtfelder
    Netiquette auf HORIZONT online
    Termine©Shutterstock
    Termine & Events

    Veranstaltungen


    Der neue Bestseller

    Kreativranking 2011!

    Kommentare©Shutterstock
    Kommentare

    HORIZONT Meinungen

    HORIZONT jobs©Shutterstock
    HORIZONT Jobs

    DER Stellenmarkt

    Umfrage
    Aktiv bis 03.02.2012
    Umfrageregeln
    Facebook plant scheinbar seinen Börsengang. Würden Sie eine Aktie kaufen?

    48.4 %  auf keinen Fall

    16.8 %  eher nicht

    26.3 %  schon möglich

    8.4 %  garantiert