Ist der Konsumerismus langsam am Verblassen?
Kommentar von Walter Braun.
Vor zehn Jahren notierte der Politikwissenschafter Robert Lane in seinem Buch „The Loss of Happiness in Market Democracies“, Materialisten wären unglückliche Menschen. „Wohlstandsunkerei“, winkten Kritiker ab. Tatsache ist allerdings, dass im vergangenen Jahrzehnt die Verschreibung von Antidepressiva geradezu explodiert ist. Logischerweise kann die Einstellung, „Ich kaufe, daher bin ich – und wenn ich mir’s nicht leisten kann, dann auf Kredit“, nicht ewig anhalten. Dennoch glaubt alle Welt, dass nach der Wirtschaftsflaute jeder wiederzu den alten Verhaltensmustern zurückkehren werde. Das ist nicht amtlich.
Einer wachsenden Zahl von Menschen schwebt anderes vor: Umweltbesorgte, die den Überkonsum bedrohlich finden; Konsumsüchtige, die in der Schuldenfalle sitzen; Pro -Einkäufer, die von der enormen Auswahl irritiert sind; Überbelastete, die ihren Alltag verlangsamen; sowie jene, die mehr Kontrolle über ihr Leben gewinnen wollen, und Ähnliches. Das seien bloß Splittergruppen, lautete bisher die Devise. Wie sich aber in den USA zurzeit zeigt, behalten viele Menschen eine vernünftigere Konsumhaltung bei: Die Sparraten, jahrelang bei ein bis zwei Prozent liegend, haben scharf auf über sechs Prozent angezogen (was angesichts der Überschuldung des Landes durchaus notwendig ist).
Für den Analysten Marshal Cohen von der NPD Group ist das kein Übergangsphänomen: „Wir bewegen uns vom Geltungskonsum (= Kaufen ohne Rücksicht) auf einen kalkulierten Konsum zu.“ Das hat für die von Privatverbrauch extrem abhängige US-Konjunktur zur Folge, dass der Wirtschaftsaufschwung nicht recht ins Rollen kommt. Trotzdem scheint die Unzufriedenheit nicht länger zuzunehmen: Familie steht wieder im Zentrum, während Erfahrungen zu machen dem bloßen Warenverbrauch vorgezogen wird. Wieder zu warten und zu sparen, bevor man etwas kauft, macht Menschen glücklicher als dumpfe Konsummaximierung plus Schuldenqual.
Der Handel reagiert heftig: Autoverkäufer sagen 30-Tage-Probefahrten zu, Kleiderboutiquen oder die Elektronikkette Best Buy stellen gratis persönliche Berater zur Verfügung. Einkaufshallen bieten kostenfreie Kinderbetreuung an. "Leistbarer Genuss" lautet das neue Motto. Irgendwie passt das alles zusammen: Das Weltreich USA hat seinen Gipfel überschritten – Geld für Kriegsabenteuer à la Afghanistan ist nicht mehr vorhanden. Auf das Land rollt eine schier unfinanzierbare Belastungswelle zu, wenn Millionen Babyboomer in die Rente gehen und die Krankenkassen belasten. Die nachfolgende Generation, die das finanzieren sollte, fällt derweilen im internationalen Schulvergleich zurück (von Rang 1 auf Platz 12).
Amerika könnte also an Wettbewerbsfähigkeit einbüßen. Mit dem stagnierenden Reichtum reduziert sich auch der politische Einfluss und damit die Fähigkeit, amerikanische Überzeugungen in die Welt projizieren zu können. Es werden nicht die USA sein, die dem kommenden Zeitalter den Stempel aufdrücken.
Walter Braun
(Quelle: „But Will It Make You Happy?“, New YorkTimes, 8. August 2010)






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